N bisschen „tipsy“ an Silvester und ganz viel Schlaf

Alkohol um 10 Uhr morgens!

Möglich macht das eine Weinverkostung und die glückliche Fügung, dass ich nicht der Fahrer bin.
Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon jemals um 10 Uhr morgens angefangen habe Alkohol zu trinken, aber was tut man nicht alles um seine Pflicht zu erfüllen. Ja genau, es war eine Pflicht.
Nachdem wir uns von der Nordinsel mit dem Bus und der Fähre wieder nach Picton durchgeschlagen haben und ich vor lauter Schlafentzug dezent halluziniert habe, schlägt mir der Hostelbesitzer vor, eine Weinverkostung im befreundeten Weingut „Johanneshof“ zu machen. Eigentlich schlägt er es nicht nur vor, er bestimmt das einfach so und nach nur ein paar Stunden Schlaf, die das Schlafdefizit bei Weitem nicht aufholen konnten, sitze ich mit vier anderen – mir völlig unbekannten- Mädels und trinke mich im Auftrage des Hostels durch die verschiedenen Sorten Weins. Um am Ende der Verkostung ein paar Flaschen zurück ins Hostel zu bringen und für einen gelungenen Silvesterabend zu sorgen.

„Wein muss süß sein“

Auf dem Weg rede ich ein wenig mit der doch recht resoluten Australierin, die eine Vorliebe für teuren Champagner hat, aber sich leider als Fahrer angeboten hat. Hinter mir auf der Rückbank des kleinen Mietwagens quetschen sich drei sehr junge, deutsche Mädels, die der Meinung sind, Wein muss süß (!!!) sein. Als ich das höre, bin ich doch eher froh, dass mein Gesicht ihnen abgewandt war und sie die Reaktion nicht sehen konnten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir für einen klitzekleinen Moment alle Gesichtszüge entgleist sind. „Wein muss süß sein???“
Dunkel erinnere ich mich an meine ersten Weinerfahrungen und den „Genuss“ von Lambrusco oder auch während einer Skifahrt mit der Schule an Wein aus dem Tetra-Pack. Naja, wie heißt es so schön? „Aus Erfahrung wird man klug“. In meinem Fall, hieß die Erfahrung Kopfschmerz.

Egal, da es meine erste Weinverkostung in Neuseeland ist, freue ich mich einfach nur darauf, einige Weine aus der Marlborough Region zu probieren. Man muss dazu wissen, dass sich hier Weingut, an Weingut, an Weingut reiht und man eigentlich nicht so recht weiß, welches man denn nun probieren soll. Alle stellen sie einen Sauvignon Blanc her und fast alle auch einen Pinot Grigio. Fantastischerweise wurde mir diese Entscheidung abgenommen und wie sich herausstellen sollte, ist der Johanneshof ein winzigkleines Gut, das von einem Neuseeländer, der in Deutschland studiert hat und einer Deutschen betrieben wird. Aber nun zurück zur Verkostung.
Es beginnt, es wird zu den Weinen erzählt, man schnuppert, man nimmt ein Schlückchen, man spült ein bisschen und dann entscheidet man, ob man es mag oder nicht. Meine drei kleinen Mädels sind ruhig, sehr ruhig. Ich denke, sie wissen nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollen und vielleicht sind auch ein bisschen unsicher.
Wein Nummer zwei, es wird etwas munterer und hinter mir vernehme ich, dass der Wein ja gar nicht süß sei und wir den auf gar keinen Fall mit zurück ins Hostel nehmen. Schnell wieder woanders hinschauen und versuchen, sich jetzt bloß nicht zu verschlucken. Mir gefällt der Sauvignon Blanc nämlich ausgesprochen gut und ich kenne ein paar Menschen, die den eindeutig süß finden. Ich hingegen finde einfach nur, dass er eine wunderbare Kombination aus fruchtigen Noten ist. ABER wie bei Allem ist das ja immer eine Geschmackssache.
Nach zwei Schlückchen merke ich, dass sich mein Schlafmangel und der Alkohol überhaupt nicht miteinander vertragen. Die Beine werden wackelig, ich merke wie mir das Blut in die Wangen schießt und schon wieder fühle ich mich an meine ersten Erfahrungen mit Alkohol erinnert. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Körper einfach nix mehr gewöhnt ist und ich gehe lieber auf Nummer sicher und dazu über bei den anderen Proben nur noch ein wenig zu nippen. Irgendwann muss sich ja „Lebenserfahrung“ auch auszahlen.

Die drei jungen Damen nämlich, haben das offensichtlich noch nicht gelernt. Amüsisert beobachte ich, wie die Runde immer munterer und heiterer wird und wir kommen erst noch zu dem wirklich süßen Wein – der Gewürztraminer, der eher als Dessert-Wein getrunken wird. Mir selbst als Dessert-Wein zu süß, lese ich auf den Gesichtern der Ladys helle Begeisterung, eifriges Kopfnicken und die Entscheidung: „Davon nehmen wir was zurück mit ins Hostel“.
Spontan beschließe ich doch noch einen größeren Schluck zu nehmen und mir die Entscheidung der Mädels einfach egal werden zu lassen.
Zum Schluss kommt der Champagner, der nicht Champagner heißen darf, aber mindestens genauso gut sein soll. Da ich den Punkt des Genießen schon überschritten habe, finde ich es einfach nur trocken, sehr trocken und ich mag es einfach gar nicht. Ich möchte an dieser Stelle aber betonen, dass ich wirklich nicht in der Lage war, eine neutrale Einschätzung der Lage abzugeben und komme daher auf das Urteil, der Champagner liebenden Australierin zurück. Denn obwohl sie unser Fahrer ist, genehmigt sie sich ein Schlückchen zur Probe und kauft sogar zwei Flaschen für ihre Freunde, die am Abend ankommen sollen und ebenfalls Champagner Liebhaber sind.
Vor meinem inneren Auge läuft ein Film über junge, gelangweilte Australierinnen ab, die ihr Leben mit Champagner auf der Pferderennbahn beprosten und dabei lustige Hütchen aufhaben. Ein kleines Kichern kommt in meiner Kehle auf – manchmal kann ich mein Kopfkino einfach nicht ausschalten.
Die ganze Situation kommt mir so furchtbar lächerlich vor. Ich, die Champagner liebende Australierin, die nichts trinken darf und die drei beschwipsten „Süßen“, diese Kombination wäre wohl auf freiwilliger Basis so nie zu Stande gekommen.

„Einfach nur Schlaf“

Vielleicht kommt es mir auch nur so unerträglich lächerlich vor, weil mein Körper sich so sehr nach Bettruhe sehnt. Sechs Stunden Busfahrt bis nach Wellington, einige Stunden Aufenthalt in Wellington bis die Fähre abfährt und noch einmal 3 Stunden Fährfahrt mit anschließendem zum Hostel laufen und warten, dass unser Freund die Tür aufmacht, ist dann doch zuviel für mich.

Es ist Silvester und ich will schlafen!!!

Nach 1,5 Stunden und einer kleinen Tour durch den Keller mit Privatschätzen (Wein) ist das Prozedere beendet. Unsere Runde versammelt sich im Auto und mehr oder weniger schweigend geht es zurück nach Picton. Warum die Mädels schweigen, weiß ich nicht. Ich schweige, weil ich müde bin. Sehr müde. Schlaf, Schlaf, Schlaf! Mein ganzer Körper ruft, ach was schreit förmlich danach. Es ist mittlerweile 12 Uhr mittags und Silvester, doch ich lege mich tatsächlich schlafen.
Gegen Nachmittag wache ich auf und wir entscheiden, einfach nur etwas zu kochen, ein wenig was zu trinken und anschließend zum Hafen zu wandern und das Feuerwerk zu bestaunen. Picton soll eines der besten Feuerwerke haben, die Neuseeland zu bieten hat.
Im Supermarkt das gleiche Chaos wie in Deutschland. Hilfe, Feiertag, wir müssen einkaufen. JETZT!
Relativ schnell habe ich meine Habseligkeiten zusammen und natürlich muss ich mich ausweisen. Mittlerweile habe ich nämlich rausgefunden, dass Supermärkte selbst bestimmen können, bis zu welcher Altergrenze man sich ausweisen muss, um zu zeigen, dass man berechtigt ist, Alkohol zu kaufen. Da hängen überall im Supermarkt so kleine Tafeln auf denen steht, dass man doch bitte entschuldigen soll, nach dem Ausweis gefragt zu werden, wenn man jünger als 2… aussieht. Die zweite Zahl ist austauschbar und kann 25 oder 28 oder was auch immer sein. Am 31.12. bitten sie um Verständnis, wenn man jünger als 28 Jahre aussieht. Ich freue mich schon während des Gangs zur Kasse. Endlich! Endlich kann ich meinen neuseeländischen Führerschein vorzeigen, den ich zu diesem Punkt erst seit zwei Wochen hatte. Ich werde ihn an dieser Stelle hier nicht zeigen, denn auf dem Foto sehe ich echt aus wie ein Verbrecher. Wenn man den neuseeländischen Führerschein beantragt, muss man 1. seinen Deutschen abgeben (wird zur Botschaft geschickt oder so!?) und 2. machen die das Foto vor Ort, welches man nicht sieht. Das ist so n bisschen wie Glücksspiel. Das Ergebnis haste dann erst zwei, drei Wochen später im Briefkasten und ändern kannste nüscht mehr. Allerdings hätte mich der Kommentar der Behördendame aufmerksam machen sollen, als sie mir ein „lovely“ (gemeint wie reizend) über ihren Brillenrand zuwarf. Ich meine, das tropft doch eigentlich nur so von Sarkasmus. Wie dem auch sei, ich konnte endlich meinen Identität und mein Alter mit einem offiziellen, neuseeländischen Dokument bezeugen, was mich doch schon stolz gemacht hat. Ich hoffe nur, dass ich mit dem neuseeländischen Führerschein auch noch in Deutschland fahren darf.

Wo war ich stehen geblieben? Achja, Silvester.

Bekocht wurde ich dann. Irgendwas sehr Leckeres mit Lachs und Gin Tonic dazu. Und Gin Tonic als Vorspeise und Gin Tonic als Nachspeise. Das Kochen dauert lange, sehr lange. So lange, dass wir anderen Hostelgästen beim betrunken werden zuschauen konnten. So lange um die ganze Show zu sehen, die zwischen jungen Teenies im Holiday-Modus zweierlei Geschlechts abspielt. Wieder einmal habe ich die Daseinsberechtigung des Wortes Fremdschämen erkannt. Mir wird es zuviel, draußen regnet es. Regen??? Hallo, ich dachte es ist Sommer und wieso regnet es denn jetzt an Silvester? Ach was, ich bin müde, also ab ins Bett.
Um Punkt 23.54 Uhr in der Silvesternacht liege ich im Bett, denke daran, wie Silvester in Deutschland wäre und bereue es ein wenig, nicht zum Hafen und zum Feuerwerk gegangen zu sein. Es wird 12 Uhr und das Feuerwerk beginnt. Eine Minute, zwei Minuten -wohlgemerkt, es nieselt immer noch- sieben Minuten, zehn Minuten, Ende! Was? Zehn Minuten Feuerwerk und das ist eines der besten, die Neuseeland zu bieten hat? Hmm, in dieser Minute merke ich, dass die Entscheidung im Bett zu liegen, doch mehr als gut war. Ausruhen, schlafen, Energie tanken für die nächsten zwei Wochen.

„Zwei Wochen Urlaub mit den Eltern“

Denn in zwei Tagen kommen auch schon meine Eltern und ich verbringe Urlaub mit ihnen. Über ein Jahr habe ich sie nicht mehr gesehen. Über ein Jahr gab es nur Skype-Telefonate und WhatsApp Nachrichten. Und dann gibt´s aufeinmal einen ganzen Urlaub mit ihnen. Zum ersten Mal seit 15 Jahren nur meine Eltern und ich. Ich denke, dass kann nur interessant werden und lasse das alte Jahr mit den Gedanken an Familie und Freunde ausklingen und schlafe ein.

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