Diese unendliche Weite – und das Geräusch von Kettensägen

Central_Otago

Wie neulich, also vor langer Zeit, schon einmal angedeutet, passiert hier bei mir eine ganze Menge und ich komme einfach nicht mehr hinterher mit dem Aufarbeiten meiner Geschehnisse, Gedanken und Emotionen.

„Leben mit Millionen-Dollar-Aussicht“

Gerade eben war ich noch im Norden der Südinsel mitten im Abel Tasman angesiedelt und nun auf einmal in Central Otago. Wobei gerade eben ja nun auch nicht wirklich stimmt, denn es ist schon wieder 1,5 Monate her. Aber zurück zu Central Otago. Ich möchte an dieser Stelle die Eindrücke meiner Mum dazu wiedergeben:„Diese Weite“ oder auch „Hach, ist das schön. Claudi, schau doch mal!!! Diese Weite.“

– Stille für einige Sekunden-

Dann direkt noch einmal: „Claudiaaaa, diese Weite, jetzt schau endlich!“. Nebenbei bemerkt, ich bin die ganze Zeit Auto gefahren und habe mich dementsprechend mehr auf die Straße und den Verkehr konzentriert, als die Landschaft zu bestaunen. Aber verübeln kann man meiner Mum die Begeisterung wirklich nicht. Mich hat sie ja schon in ihren Bann gezogen, als wir mit Turbo-Pascal durch die Toskana am anderen Ende der Welt getuckert sind.
Naja, und nun lebe ich hier auf einmal. In einem Haus mit einer Millionen-Dollar-Aussicht. Wie wir sehen, sehen wir weit und breit nichts. Außer Weite, unendlicher Weite.
Central-Otago-Land-of-GoldWie wir hier hergekommen sind und was wir hier tun?
Auf dem Berg im Abel Tasman haben wir letztes Jahr eine neue Nachbarin bekommen. Aus Deutschland, und man mag es nicht glauben, aus Hamburg! Schnell haben wir herausgefunden, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und noch schneller als wir gucken konnten, wurden aus Nachbarn Freunde.
Eines Tages erzählte sie uns, dass sie Hilfe mit der Renovierung ihres Hauses in Central Otago bräuchte und da sie wegen Tieren und Kind ihr Zuhause nicht lange allein lassen kann, haben wir ihr unsere Hilfe angeboten. Von dieser Aussicht hat aber niemand gesprochen und so waren wir ganz überwältigt, als wir hier angekommen sind und ein kleines, süßes Holzhäuschen mit unbezahlbarer Aussicht vorgefunden haben.

„Internet – $90 für 5 GB“

Der Nachteil: Internet empfange ich nur übers Handy und das ist sauteuer. Alternativ könnte ich auch Internet über Satellit ordern, aber das ist noch teurer. Eine Möglichkeit gibt es noch, das nennt sich Rural Wifi und wird von Vodafone angeboten. Immer noch teuer, aber ich bin nicht mehr an 1-5 GB pro Monat gebunden. Der Haken an der Sache ist, dass Vodafone mir das nicht geben will, weil mein Visum nur bis Mitte August gültig ist. Also kreuche und fleuche ich hier weiterhin mit unfassbar teuren ( $90 NZD!!!)5 GB pro Monat rum und versuche den Rahmen einzuhalten.

„Neues von der Visums-Front“

Achja, Visum. Auch von dieser Front gibt´s Neuigkeiten. Ich werde alles auf eine Karte setzen und Residency beantragen. Alles was mir dafür fehlt, ist ein Job-Angebot. Halt, falsch! Alles was mir dafür FEHLTE – Vergangenheit.
Ich habe nämlich eines von unserer Freundin bekommen und glücklicherweise stehen Marketing-Specialits auf der Liste der Skilled Occupations, was es möglich macht, mich über die Skilled Migrant Category zu bewerben. Das ist der GROBE Plan.
Die Details sind zu kompliziert und verwirrend und ich steige derzeit noch durch den neuseeländischen Bürokratie-Dschungel.
Fakt ist:

  • ich muss einen Englisch-Test machen (IELTS) = $385 NZD
  • meine bisherige Qualifkation beweisen und anerkennen lassen = ca. $800 NZD
  • alle Dokumente übersetzen lassen (muss natürlich zertifiziert sein) = $560 NZD
  • Führungszeugnis (das war einfach und schnell zu bekommen und natürlich ohne Eintragungen) = 15 Euro
  • plus Gebühren für die Ausstellung von Geburtsurkunde, Porto von D nach NZ,
    Zweitausfertigungen von Abschluss-Zeugnissen, weil die in einer Kiste aufm Dachboden in Hamburg versteckt sind. So gut, dass ich mich einfach nicht mehr erinnern kann, wo ich die hingetan habe.

Möchte jemand vielleicht etwas (Datenvolumen)spenden?

So, während meine Eltern in Deutschland meine Unterlagen horten und mir schicken, gebe ich hier munter die Kohle aus und die Kreditkarte kommt ganz schön ins Glühen. Nein, ich habe immer noch nicht im Lotto gewonnen, nein ich tue nichts Illegales, und ja, das Geld wird langsam knapp. Aber sei es drum. Man lebt ja nur einmal und ich habe mich dazu entschlossen, diesn, wenn auch unsicheren, Weg zu gehen. Sobald ich alle Dokumente beisammen habe und das Ergebnis des Englisch-Tests, kann ich Anfang Mai meine „Expression of Interests“ an die Immigrationsbehörde schicken.

„$510 fürs Punkte zählen“

Die zählen dann meine Punkte zusammen und wenn es für sie über 140 ergibt, dann bekomme ich die Einladung mich um Residency zu bewerben. Da wird dann ganz genau geprüft, ob das auch alles stimmt, was ich angebe und vor allem das Jobangebot und meine Qualifikationen.
Jedenfalls werde ich nur für meine Interessens-Bekundung nocheinmal $510 NZD bezahlen dürfen. Großartig, oder? Nur dafür, dass ich sagen: „Hey, ich hab einen einigermaßen guten Bildungshintergrund in Jobs für die ihr dringend Leute sucht, und ich möchte gerne in eurem Land leben und VOR ALLEM ARBEITEN. Ich möchte aktiv etwas für euer BIP tun und noch mehr Menschen von Neuseeland überzeugen. Ich möchte aktiv etwas dafür tun, dass dieses Land an mir Geld verdient.“ – Na, dann kann ich ja direkt erst mal $510 NZD fürs Punkte zählen bezahlen.

Eigentlich ein gutes System, der Staat verdient an den Träumen anderer Menschen, nur weil sie in diesem Land leben möchten. Wie handhabt das eigentlich Deutschland? Weiß das einer?
Ich will mich aber nicht beschweren, ich habe es mir so ausgesucht und Bürokratie kostet immer Zeit und Geld. Und ich meine mal ernsthaft, bei diesem Ausblick, wer berschwert sich da schon?

Central-Otago-lightning

 

Selbst bei Gewitter ist die Sicht fantastisch. Was eher wenig fantastisch ist, ist der Fakt, dass das Holzhaus bei Donner vibriert und wackelt. Und trotzdem ist es einfach faszinierend zu beobachten, mit wieviel Macht und Gewalt sich die Wolken ganz plötzlich zusammenbrauen oder aber langsam über die Berge schieben, um dann ihre ganze Kraft zu entfalten und mit einem langen, tiefen Grollen die Entladung ankündigen.

So sitze ich hier am Schreibtisch in der Mitte des Nirgendwos in Central Otago, blicke auf diese Weite, die nur am Horizont von den Südalpen begrenzt wird, schreibe nach langer Zeit mal wieder meinen Blog, recherchiere meine To-Dos für die Immigrationsbehörde, lerne für den bevorstehenden Englisch-Test und lausche dem Singen von Vögeln, dem Blöken von Schafe, dem Röhren von Hirschen (unsere Nachbarn farmen Hirsche) und einer Kettensäge!!!
Moment, Kettensäge??? Ja genau, wir sind ja hier nicht nur zum am Schreibtsisch sitzen und Blog schreiben gekommen, sondern auch um unserer Freundin zu helfen. So wird also der Garten in Ordnung gebracht, die Bäume beschnitten (dafür die Kettensäge), Wände abgeschliffen und gemalert, Fußboden neu verlegt, …, …, …, blubb, blubb, blubb, blubb… – Aus mit der romantischen Vorstellung, morgens mit einem Cappuccino am Blog zu schreiben oder aber, wenn man sich grad nicht danach fühlt, abends mit einem Glas Rotwein der untergehenden Sonne über den Bergrücken zuzuschauen und dann ein paar Zeilen zu tippen. Hier wird gearbeitet, auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Arbeit mehr plane und wann, was gemacht wird. Im Organisieren war ich schließlich schon immer sehr gut. Aber ab zu hab ich dann doch mal die Farbrolle in der Hand und streiche Wände, oder tunke meine Haare in Farbe und verteile sie anschließend ungewollt über meine gesamten Klamotten.
„Die Freuden des Renovierens der Claudia M.“ – der Titel für den nächsten Post?

Ich merke, ich schweife ab…
Zusammenfassend kann man also sagen, dass ich derzeit das Leben hier plane und versuche einen Weg zu finden, hierbleiben zu dürfen. Vor mir liegen dementsprechend ein paar Monate Kommunikation mit der Immigrationsbehörde. Wir schauen mal, was die nächsten Tage und Wochen hergeben. Vielleicht schreibe ich auch lieber über die modische Geschmacklosigkeit von bezahlbarer Mode made in NZ. Oder das Problem, schöne Möbel zu finden, welche mit Stil!!!
Ihr seht es schon, es ist alles nicht so einfach, aber ich sende euch trotzdem Umarmungen vom anderen Ende der Welt. Es ist trotzdem schön hier.
PS: Manchmal ist es richtig toll, wenn Papier so geduldig ist – bzw. mein Computer.

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4 Gedanken zu “Diese unendliche Weite – und das Geräusch von Kettensägen

    • Oh ich vermisse dich auch und ich würde Rosalie so gern live kennenlernen. Schießlich muss ich doch die Person kennen, der ich Mut und Stärke zur Geburt gewünscht habe 🙂
      Aber bald, bald komme ich mal zu Besuch – nach der Visums-Geschichte oder so und dann gibt´s extra viele Live-Küsse und Umarmungen.

      Gefällt 1 Person

  1. Oje, wie gut kenn ich diesen Kampf mit der Bürokratie um eine Aufenthaltsgenehmigung. Ich kann dich beruhigen Deutschland empfängt Einwanderer auch nicht mit offenen Armen. Ich habe erst nach 12 Jahren im Land eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen und nur aus dem Grund, weil ich mit einem Deutschen seit 3 Jahren verheiratet bin. Davor musste ich mein Visum jedes Jahr verlängern. Wenn man etwas gescheites studiert hat und einen unbefristeten Arbeitsvertrag (wo gibt es denn so was heutzutage?) hat, kommt man in den Genuss von Niederlassungserlaubnis nach 5 Jahren und kann dann auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Was das alles im einzelnen Kostet kann ich dir leider nicht auflisten, aber es kommt auch eine Menge zusammen bei den ganzen Übersetzungen, Beglaubigungen und Gebühren. Allein die Gebühr für die Ausstellung meiner unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung hat 120€ gekostet.
    Aber lass dich nicht entmutigen! Mach weiter so und am Ende werden deine Mühen belohnt. Hoffentlich dauert das nicht noch 12 Jahre 🙂

    Gefällt 1 Person

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