Begegnungen

CSC_5458Seit vier Monaten befinde ich mich nun auf Reisen durch das Land, in dem ich immer sein wollte. Während dieser Zeit habe ich einige interessante Menschen getroffen. Einige davon zufällig, andere hingegen mehr oder weniger verabredet. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich viel länger unterwegs und gerade halte ich inne. Ich lausche dem Knistern des Feuers, neben mir wird auf einer Trommel gespielt. Ab und zu fliegt ein Kaka vorbei und gibt krächzende Laute von sich, in der Ferne höre ich Eulen. Meine Gedanken kreisen. Sie kreisen um die vergangenen Monate und die Zeit, die vor mir liegt. Vor allem aber kreisen sie um die Menschen, die mein Leben zu Hause und hier am anderen Ende der Welt bereichern. Nie hätte ich gedacht, dass meine Reise den Verlauf nehmen würde, den sie angenommen hat, aber tief in mir hatte ich immer das Gefühl, dass sie mein Leben nicht nur bereichern, sondern auch verändern wird. Es tut gut einen Moment lang still zu halten und die vergangene Zeit Revue passieren zu lassen und sich an die Erlebnisse und Begegnungen zu erinnern. Es gibt da Isa aus Hamburg, die ich letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt habe und die zur selben Zeit mit dem Ziel Neuseeland zu einer Reise aufgebrochen ist. Wir haben uns in Auckland getroffen und ein, zwei Abende zusammen mit Ela und Stefan verbracht. Bis heute halten wir Kontakt und sie steht mir mittlerweile näher, als ältere Freunde oder Bekannte. Es ist ein bisschen schade, dass wir keine Zeit auf der Südinsel miteinander verbringen konnten, aber vielleicht werden sich unsere Wege eines anderen Tages hier erneut kreuzen Eigentlich bin ich mir da ziemlich sicher. Auch denke ich an die Frau im Flugzeug auf dem Hinflug neben mir, welche weit über 60 Jahre alt ist und sich auf dem Weg nach Laos befand. Sie hat mit dem Reisen angefangen, nachdem ihr Mann gestorben war und entdeckt seitdem die Welt. Sie reist durch Länder, die im Bewusstsein vieler anderer Menschen nicht einmal vorhanden sind. Im nächsten Augenblick fällt mir der asiatische Business-Mann ein, auf dem Weg von Melbourne nach Auckland, der unbedingt mehr über mich und das Ziel meiner Reise erfahren wollte. Ich war nach mehr als 40 Stunden fliegen leider zu müde, um Konversation zu betreiben. Trotzdem hätte es mich interessiert, wie sein Leben wohl so aussieht. Dann wieder denke ich an die gefühlten 1000 deutschen Touristen, die ich hier getroffen habe und das Gefühl, irgendwie gar nicht richtig hier zu sein, weil ich überall nur deutsch hören konnte. Claudi 2 und Jan, mit denen wir das Erlebnis der Delfin-Tour in der Bay of Plenty (für uns seitdem Bay of Empty) teilten und zufällig in Wellington wieder getroffen haben. Mit Claudi 2 haben wir sogar Weihnachten und zwei Tage in Christchurch verbracht. Und dann wäre da noch meine zweite Hamburg-Reunion. Mitten auf dem Berg im Nirgendwo treffe ich auf Mirko und wir haben das Glück an der Alpaka-Schur beim Texaner mitzuhelfen. Ich hoffe, aber eigentlich bin mir auch hier ziemlich sicher, auch ihn werde ich eines Tages wiedertreffen. Ach und Tetyana. Diese Begegnung war so wundervoll zufällig geplant. Als Fotografin kennt sie Ela und ist dadurch auf meinen Blog gestoßen, hat ihn gelesen und auch wir haben uns hier in Neuseeland getroffen. Zusammen mit ihrem Freund haben wir gemeinsam zu Abend gegessen (seit langem mal wieder Fleisch und das war auch noch richtig gut zubereitet – Danke Matthias). Zum Abschied hat sie mir noch ein paar Thermosocken geschenkt, die mir hier nun, wo der Herbst langsam beginnt, Nacht für Nacht das Leben retten. Mir fällt Viktor ein. Der dänische Junge, der glaube ich, so ziemlich aller erwandert, was hier nur geht und der im Hostel in Picton jeden Abend Brot gebacken hat. Brot mit Karotten drin, das ist so ein Dinge, was die Neuseeländer nicht ganz kapieren. Ich wurde schon gefragt, was es damit auf sich hat, dass Deutsche und anscheinend auch die Dänen Karotten in ihr Brot mischen. Weiß da jemand die Antwort? Zum Thema Essen gibt’s in der nächsten Zeit sowieso noch mal einen gesonderten Eintrag.

Und dann sind da die ganzen Hippies, die ich hier immer wieder treffe. Einige von denen sind Freizeit-Hippies auf Reisen. Andere von ihnen „LEBEN“ einen wirklich nachhaltigen Lebensstil, mit zwar manchmal etwas besonderen Lebensumständen, aber ich habe nie zuvor aufgeschlossenere und tolerantere Menschen getroffen. Und dann sind da auch die weniger schönen Erfahrungen. Wenn man sich mit den Locals unterhält und mitbekommt, dass Deutsche hier manchmal gar nicht so sehr willkommen sind. Wenn man nachfragt, merkt man jedoch, dass sie nichts im Speziellen gegen Deutsche haben, aber dass Neuseeland von deutschen Touristen seit einiger Zeit überflutet wird. Speziell von ganz Jungen, die alles mit Deutschland vergleichen, nur deutsch sprechen und ständig Party machen und betrunken sind. Das ist die Schublade, die für junge Deutsche hier existiert. All diese Begegnungen, egal ob positiv oder negativ, zeigen mir letzten Endes nur Eines: Die Menschen und das Leben sind so vielfältig, so bunt, so überhaupt nicht für Schubladen geeignet. Es lehrt mich, mit offenen Augen und immer mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen. Es lehrt mich, zuzuhören, nicht zu schnell zu urteilen, in mich zu gehen und nachzudenken. Es lehrt mich jeden Tag zu genießen und sich darauf zu freuen, Neues erfahren zu können.

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Reiseleben – Picton und das Ela-Syndrom

20140312-080308.jpgDie Reise geht weiter und ich mache mich auf den Weg nach Picton. Der Ort an dem Einheimische und Reisende aufeinander treffen und alle dasselbe Ziel haben. Entweder kommen sie gerade an und wollen die Südinsel entdecken oder aber sie machen sich auf den Weg nach Norden. Picton ist so winzig klein, dass man innerhalb von fünf Minuten die gesamte Stadt mit dem Auto durchquert hat und doch hat es wahrscheinlich mehr Unterkünfte für Touristen als Menschen, die dort wohnen. Während der Reise mit Ela und Stefan hatten wir keine Zeit uns näher mit der Umgebung in den Malborough Sounds zu beschäftigen. Ein kurzer Stopp am Schild von „Cloudy Bay“ und dann direkt weiter nach Rabbit Island, an den Strand, in den Wellen spielen und die Sonne genießen. Wir hatten keinen Plan und das war gut so. Nur so konnten wir frei von einem Tag zum anderen entscheiden, was wir als nächstes machen wollen. Wir haben uns treiben lassen. Manchmal vermisse ich die beiden sehr. Vor allem Ela fehlt mir an einigen Tagen besonders. Es ist so schön mit einem Herzmenschen (den Begriff hat Ela geprägt) an seiner Seite zu reisen, das Land zu entdecken, zu reden, zu lachen und im nächsten Moment zu schweigen, zu lesen und gemeinsam zur Ruhe zu kommen. Das Reiseleben ist manchmal ziemlich aufregend und schnell. Auch wenn ich hier nie allein bin, so drehen sich die Gespräche mit anderen Reisenden doch nahezu immer nur um das Reisen selbst. Wer bist du? Wie heißt du? Was hast du schon gesehen? Was sind deine Pläne für die nächste Zeit? Selten trifft man auf Menschen, mit denen man tiefergehende Gespräche führt – führen kann. Oftmals ist es einfach die Sprachbarriere. Es sind die leisen Töne, die zwischen den Worten stehen, die man in einer Zweitsprache nur schwer trifft. In diesen Momente wäre es einfach noch viel schöner, meine zwei Reisebegleiter an meiner Seite zu haben. Und doch sind sie irgendwie immer bei mir. Vor allem Ela und das bereits beschriebene Ela-Syndrom. Ich kann nicht sagen, was genau es ist und warum es sich wie ein Virus in mir ausbreitet, aber es wird immer stärker. Ständig verlege ich Dinge und weiß nicht, wo ich sie zuletzt hingepackt habe. Ich trete in Bienen, bekomme Hobbit-Füße und kann nicht mehr durchs Auenland hüpfen. Meine Sonnenbrille entwickelt regelmäßig ein Eigenleben, verschwindet und taucht ein, zwei Tage später an den unmöglichsten Stellen wieder auf. Und jedes Mal, wenn ich ins Auto einsteige um die „verlegten“ Dinge zu suchen, stoße ich mir mit wunderschöner Regelmäßigkeit meinen Kopf. Immerhin so regelmäßig, dass all die Beulen mittlerweile eine gute Proportion abgeben und es fast gar nicht auffällt. Ach Ela, ja du fehlst mir hier und ich wünsche mir so sehr, dass wir eines Tages noch mehr gemeinsam von Neuseeland entdecken und ich dir die Stellen zeigen kann, die ich ohne euch gefunden habe. Vielleicht können wir auch noch einmal gemeinsam mit Delfinen schwimmen.

Womit wir beim Thema wären. Die Delfine und ich. Ich habe einen weiteren Versuch unternommen, mir diesen Traum zu erfüllen. Die Betonung liegt auf V-E-R-S-U-C-H. In Picton, so dachte ich, hat man die Möglichkeit in den Malborough Sounds in relativ warmen, kristallklaren, türkisen Wasser mit Delfinen zu schwimmen und dabei die wunderschöne Fjordlandschaft zu genießen. Und es ist ja Sommer, also ab nach Picton. Wenn ich ein paar Tage bleibe, kann ich auch gleich noch Glühwürmchen (und diesmal umsonst) anschauen, den Queen-Charlotte-Track laufen und mir ein Kajak ausleihen. Das war die Vorstellung meines kleinen Sommertrips zurück an die Küste. Angekommen im Dreh- und Angelpunkt zwischen Nord-und Südinsel, checke ich in einem zauberhaften kleinen Hostel fernab der Teenie-Backpacker-Höllen ein. Im Jugglers Rest genieße ich einen Nachmittag in der Hängematte und ringe mit mir, ob ich die Slackline ausprobieren soll oder nicht. Es liegen nur drei Meter zwischen mir und der Hängematte und der Slackline. Drei Meter zwischen grenzenloser Faulheit und Training meiner Balance. Die Anziehungskraft oder viel mehr die Schwerkraft, die mich in der Luft baumeln lässt, siegt und ich versinke mit meinem Buch in der späten, wärmenden Nachmittagssonne. Der nächste Tag wird schließlich anstrengend genug. Als ich schließlich am nächsten Tag aufwache, sehe ich beim Blick aus dem Fenster… nichts. Einfach nichts. Alles ist grau und nebelig, die Wolkendecke über den Sounds ist undurchdringlich, kein Sonnenstrahl lässt sich blicken, es ist einfach nur grau. Und besonders warm ist auch nicht mehr. Leider verschlechtert sich die Lage mit fortschreitendem Tag und am Ende des Tages habe ich bis auf Schnee alles an möglichen Wetterlagen mitgemacht. Gewitter, Hagel, Sturm, Regen und zwischendurch kurze Wolkenlöcher mit heißen Sonnenstrahlen. Egal, denke ich mir, morgen ist auch noch ein Tag, müssen die Delfine noch ein wenig warten. Als ob die auf mich warten würden? J Und die Glühwürmchen und die Kajaks und der Track. Ich habe für die Reise nach Picton drei Tage eingeplant und bleibe schlussendlich vier Tage. Ausgerechnet in diesem Zeitraum entschied sich das Wetter nach wochenlangem Sonnenschein eine Pause einzulegen und dafür zu sorgen, dass die Fähren zwischen Wellington und Picton nicht verkehren und die Cook-Straße überqueren konnten. Und dafür zu sorgen, dass ich die Sache mit den Delfinen wieder einmal verschieben muss und natürlich gar nichts von meinen geplanten Unternehmungen durchführen konnte. Trotzdem sind die Tage in Picton voll schöner Erinnerungen für mich. Nikki, der Hostelbesitzerin habe ich einfach mit dem Hostel geholfen und konnte im Gegenzug umsonst dort übernachten. Es macht Spaß zu sehen, wie die Gäste beinah jeden Tag wechseln und sich neu mischen. Wie einige Reisende beschließen, länger zu bleiben und man mit denjenigen dann trotz des schlechten Wetters eine gute Zeit hat, wundervolle Gespräche führt, zusammen kocht und isst und mehr als nur das Reiseleben der anderen erfährt. Und gelernt habe ich auch mal wieder etwas. Pläne in Neuseeland sind für die Katz. Lass am besten alles auf dich zukommen, lebe von einem Tag zum nächsten, lass dich treiben und nimm alles, wie es kommt.

Das nächste Abenteuer besteht auch schon bevor. Gerade befinde ich mich auf dem Weg in den Nelson Lakes National Park und werde morgen 12,5 km (mit Rucksack!!!) zur Angelus Hut laufen und dort eine Woche in den Bergen verbringen.

Karma und so

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Es gibt nichts, was ich auf meiner Reise nicht auslassen würde und ein Ereignis reiht sich an das andere. Und alles was eintritt, sorgt dafür, dass ich länger als geplant an einem Ort verweile. Nachdem der erste Reifen platt war, folgte schon bald der zweite, kurz darauf die Bremsklötze und ungefähr zeitgleich damit die „Springclips“ für die Bremsen (so Metallbügel für die Bremsen des Vans). Es dauerte nur drei Wochen bis der Van wieder einsatzbereit war und ich aufatmen konnte. Also tiiiiieeeeef Luft holen. Und zack, passiert auch schon das Nächste unvorhergesehen Ereignis. Wobei, dank meiner hellseherischen Fähigkeiten, habe ich es Sekunden vorher schon geahnt.
Nach Tagen außerhalb der Zivilisation stehe ich mitten in der Stadt und will endlich mal wieder Geld abheben. Während ich den PIN eintippe, denke ich noch, was wäre eigentlich wenn mit einem Mal die Karte eingezogen wird. Ach was, ist doch Quatsch, da gibt´s keinen Grund für. Nach dem PIN gebe ich meinen gewünschten Betrag ein, der Automat arbeitet, arbeitet und arbeitet. Doch an Stelle des Ratterns für die Geldausgabe höre ich – NICHTS. Ein Hinweis auf dem Bildschirm erscheint und teilt mir mit, dass meine Karte aus Sicherheitsgründen einbehalten wurde und ich meine Bank in Deutschland kontaktieren soll. Siedendheiß fällt mir ein, dass ich noch zwei Dollar in der Tasche habe, plus ein wenig verstreutes „Parkgeld“ im Auto. Wunderbar, damit komme ich bestimmt weit. Ausgerechnet an einem Freitag. Das Wochenende steht bevor, ich bin Deutschland 12 Stunden voraus und die Banken werden an einem Freitag bestimmt keinen Finger mehr krumm machen. Die Karte bekomme ich zwar von der netten Bankangestellten wieder, aber Geld kann ich trotzdem nicht abheben. Also folge ich dem Rat und kontaktiere meine Bank. Nach einigem Hin und Her per Mail, folgt ein ein Anruf und es stellt sich heraus, dass das Finanzamt „aus Versehen“ mein Konto gepfändet hat. „Aus Versehen“ deshalb, weil ich alles vor meiner Abreise erledigt habe und sie auch Bescheid wussten, dass ich einige Monate in Neuseeland verbringen werde. „Aus Versehen“ ist hier für mich aber eine Beinahe-Katastrophe. Ohne Geld am anderen Ende der Welt. Aber wie der Kiwi zu sagen pflegt: „No worries“. Irgendwie geht mir diese Einstellung langsam ins Blut über und ich denke, dass sich schon alles zum Richtigen fügen wird. Zum Glück habe ich noch meinen „deutschen Backup-Plan“ und eine kleine Sicherheitsreserve in Euros in der Tasche, die ich schnell umtauschen kann und darauf warte, dass der Fehler endlich behoben wird und ich wieder über mein Geld verfügen kann. Bis dahin wird das Geld in eine Tasse Kaffee investiert und die Zeit für Neuigkeiten vom anderen Ende der Welt genutzt. Währendessen überlege ich angestrengt, ob das das Karma ist. Irgendetwas hält mich hier im Norden der Südinsel gefangen. Immer wieder etwas Neues, ich komme einfach nicht weiter. Oder es ist ganz einfach die Rache des Universums für das getötete Oppssum. 🙂

Texas Ranger, Alpakas, Festival-Feeling – glücklich sein

20140211-134023.jpgLänger habe ich nichts mehr von mir hören lassen, doch das, was ich in den letzten Wochen erlebt habe, musste erst einmal verarbeitet werden. Mittlerweile springe ich auch nicht mehr nackig über die Wiesen, wenngleich das Wetter es definitiv zulassen würde. Bis auf einen einzigen Regentag, habe ich die letzten zwei Wochen tagsüber immer die Sonne genießen können.

Aber das Wetter ist nicht der Grund, weshalb ich nach wie vor im Abel Tasman verweile. Viel mehr wurde ich gezwungen, länger als geplant hier zu bleiben. Mein Van hat einen platten Reifen, die Bremsen streiken. Klar, man kann das Ersatzrad anbringen, aber was tun, wenn die Bremsen einfach nicht mehr dazu geeignet sind, den Berg wieder runter zu fahren? Man bleibt einfach hier, hat genug zu essen im Wagen und hofft auf Hilfe. Die Hilfe kam in Form eines alten Bekannten, der netterweise am Van rumschraubt, sich um Ersatzteile kümmert und mich hier dem nächsten Nachbarn samt Frau und kleiner Tochter vorstellt.

20140211-133853.jpgBob, ein ehemaliger Pilot aus Texas, der beschlossen hat, mit zwölf Alpakas auf einer Farm zu leben. Gut, ich hatte hier eigentlich Schafe und Kiwis erwartet, eventuell noch ein paar Hobbits, aber Texaner und Alpakas? Immer wieder muss ich an meine Begegnung mit dem Dromedar in St. Peter Ording letzten Sommer denken. Das war ungefähr genauso verwirrend. Doch macht ja alles nichts, denn so hatte ich die einmalige Chance einer Alpaka-Schur beizuwohnen. Zwölf grunzende, haarige Viecher, die in einer Art Klapptisch eingeklemmt werden und dann mit einer Schermaschine bearbeitet werden. Erst die eine Seite und zack werden sie umgeklappt und dann die andere Seite. Das fanden die gar nicht lustig und waren immer in der Versuchung aus ihrem Minipaddock, in dem sie warten mussten, auszubrechen. Gemeinsam mit Mirko, jemand der auch aus Hamburg kommt und den ich hier auf dem Berg getroffen habe, hatten wir die ehrenvolle Aufgabe, die listigen Viecher in Schach zu halten und am Ausbrechen zu hindern. Naja, das ist uns nur mehr oder weniger gut gelungen, denn die Viecher sind so groß wie ein Kleinpferd und können unglaublich aggressiv aussehen, wenn die mit weit aufgerissen Augen auf einen zurennen. Da bleibt man nicht einfach stehen und hofft drauf, dass sie es sich noch einmal anders überlegen. Ja ich weiß, Alpakas können einen auch unglaublich treudoof mit ihren dunklen Kulleraugen anschauen, haben sie in diesem Fall aber nicht. Die ausgerissenen Alpakas, also jene, die sich von mir nicht am Weglaufen haben hindern lassen, wurden von Bob mit einem Motorbike eingekreist und wieder zurück getrieben. Tja, der Fortschritt macht auch am anderen Ende der Welt nicht halt. Wo es früher noch Hütehunde gab, die diesen Job gemacht haben, sind es nun Motorbikes. Kurz nach diesem kleinen Abenteuer in die Welt der Schur, fand direkt das nächste Highlight statt. Ich bekam eine Einladung zum Crew-Zusammentreffen für das Luminate-Festival. In den Tagen zuvor habe ich hier einfach mit geholfen. Toiletten sauber gemacht, was auch nur bedeutet, dass ich das Papier nachfüllen musste, Campinggebühren von verstreuten Campern eingesammelt, allen erzählt, dass hier kein Feuer erlaubt ist und dass, das Wasser trinkbar ist. Achja und vornehmlich französischen Touristen Fragen zum „Hobbit“ beantwortet, der hier zum Teil gedreht wurde. Ihr seht also, ich lebe gerade wirklich im Hobbit-Land. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mich hier so wohl fühle. Nach Tagen der Stille hier, war auf einmal alles voller Hippies und welch Überraschung, die „Kommune“ von Neujahr war auch wieder da.

20140211-134332.jpg Inklusive „Rainer Langhans“ und Co. In diesen Tagen habe ich gefühlte 1000 Umarmungen bekommen, von Menschen, die ich nicht einmal ansatzweise kannte. Und das nicht nur zur Begrüßung, wenn man sich kennenlernt, nein, die kommen morgens beim Kaffee machen auf einen zu und umarmen einen. Einfach so. Nach wie vor ist das für mich komplettes Neuland, aber eigentlich finde ich das nett. Es ist auch nicht eine einzige Person dabei gewesen, bei der mir das unangenehm gewesen wäre. Im Gegenteil, ich habe so sehr schnell unglaublich interessante Persönlichkeiten kennenlernen können. Da war dieser Australier, der aussieht wie ein Trapper aus einem Wild West Film. Oder eine Sie, die im Männerkörper geboren ist, aber als Frau fühlt. Dann war da ein Deutscher, der seit zwölf Jahren in der Golden Bay lebt und in Berlin aufgewachsen ist. Ich habe einen Hippie getroffen, bei dem ich fand, dass er aussah wie ein Wikinger. Also lange Haare, kräftig, Bärenfellweste. Zumindest sah es aus wie eine Weste aus Bärenfell. Das wirklich interessante aber war sein Instrument. Es ist eine Art Trommel aus Metall, die von der Form an einen Kreisel erinnert. Diese Trommel klingt so zart – ich finde gar keine Worte dafür. Ein paar Leute haben mich mit in eine Höhle genommen. Sie liegt in einem Berg und man muss über Felsen klettern um ins Berginnere zu gelangen. Dort erklangen dann die ersten Tönen der Trommel, was die Akustik des Instruments noch verstärkt hat. Und es gab ein Wiedersehen mit den Veranstalterinnen des Luminate-Festivals. Es war interessant, den Meetings zur Entwicklung des Festivals im nächsten Jahr beizuwohnen. Luminate steht unter dem Motto Zero-Waste und Re-use Resources. Das bedeutet, dass es hier keine Müllbehälter gibt und jeder das mitnimmt, was er an Müll produziert. Für mich war das bisher nicht vorstellbar, aber es funktioniert und dass bei über 3000 Besuchern. Außerdem wird stetig an Nutzung von umweltfreundlichen Alternativen getüftelt. Es gibt Solarduschen, Kompost-Toiletten, die Musik einer Bühne wird nach einer bestimmten Zeit mit Fahrrädern betrieben. Alle Bühnen sind aus Bambus-Hölzern gebaut. Die ca. 150 Leute, die zum Crew-Meeting anwesend waren, kommen aus verschiedenen Nationen und alle arbeiten freiwillig für dieses Projekt. Geld, was mit dem Festival verdient wird, geht direkt in die Umwelt zurück und es werden Bäume gepflanzt. Es besteht eine Kooperation mit einem Hersteller, von biologisch abbaubaren Produkten, so dass keine Chemikalien von Seife oder Waschmittel in die Erde gelangt. All die Ideen, die Zusammenarbeit der verschiedenen Nationen immer mit dem Ziel, die Natur zu bewahren oder bestenfalls in einen ursprünglicheren Zustand zu versetzen – ich finde wirklich, dass sich Festivals auf der ganzen Welt daran ein Beispiel nehmen könnten sogar sollten. Auch wenn ich mir natürlich darüber im Klaren bin, dass es ein Unterschied ist, ob man 3.000 oder an die 100.000 Festival-Besucher hat.

Tja und nun sitze ich hier und lasse die letzten Tagen und Wochen an mir vorüberziehen und stelle fest, dass die Zeit hier so ziemlich das komplette Gegenteil von meinem Leben in Deutschland ist. Ich frage mich selbst, was ich gelernt habe und wenn ich eine Antwort geben kann, dann ist es: „Man braucht nicht viel zum Glücklichsein“.

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Stadt, Strand, Hostel

20140117-201841.jpgMan mag es kaum glauben, aber es hat mich tatsächlich in eine Stadt verschlagen. Naja so etwas Ähnliches. Auf jeden Fall bin ich nun zivilisierteren Regionen unterwegs. Seit einer Woche weile ich nun in Nelson. Die Sonne scheint, es ist windig und ich arbeite. Oder sagen wir mal so. Ab und zu mache ich ein paar Betten und habe dafür die Unterkunft in einem kleinen, süßen Hostel frei. Besonders schön ist, dass es sehr, sehr ruhig ist und eben kein Party-Hostel mit einer Million kreischenden, mehr oder weniger frischgebackenen Abiturienten, deren Inhalt im Reisen darin besteht, soviel Party wie möglich zu machen. Nichts gegen Party oder diese Art des Reisens, aber der 3-stündige Aufenthalt in dem Hostel in Sydney hat mir gezeigt, dass das einfach nicht mein Ding ist.
Hier lausche ich den Windspielen in den Bäumen, den hosteleigenen Hühnern und amüsiere mich mit den zwei Katzen. Tatsächlich gibt es auch hier ein paar merkwürdige Dekogegenstände, die katzenartige Formen haben. Zum Glück aber nicht in dem Ausmaß wie im Katzenhaus in Auckland. Naja und die zwei Kuschelviecher hier sind auch ganz bezaubernd.

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Die Stadt ist relativ klein und überschaubar. Es ist ruhig und ein Ort für viele Familien. Was mir immer wieder auffällt, dass hier anscheinend viel Wert darauf gelegt wird, nach getaner Arbeit viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Da werden Kinder und Nachbars Kinder in den Van geladen, zum Strand gefahren und dann wird dort getobt, gebadet und gespielt – einfach Zeit miteinander verbracht. Selbst unter der Woche einen ganzen Abend lang. Zu jedem Vollmond treffen sich hier Freunde, Familien und Fremde, um gemeinsam am Feuer mit Trommeln Musik zu machen, zu tanzen oder auch zu spielen. Nein, hier wird nicht mit Spielzeug gespielt, sondern mit Feuer. Und das zieht sich durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten durch.

Gestern war Vollmond und ich mache mich auf zum Strand.

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Auf dem Parkplatz begrüßen mich Menschen und sagen Hallo, denen ich vorher noch nie begegnet bin, am Strand suchen alle gemeinsam trockenes Holz für das Feuer. Mit Sonnenuntergang flackern die ersten Flammen gemütlich vor sich hin und nach und versammeln sich immer mehr Menschen um das Feuer. Es sind Surfer, Hippies oder eben ganz „normale Menschen“. Frauen, die noch eben am Auto ihre Pumps gegen barfuss eintauschen und sich einen Poncho gegen die frische Brise übers Kostüm werfen. Männer in, keine Ahnung wie der fashion-mäßige korrekte Begriff dafür lautet,  „Ballonhosen“, Kinder mit in Shorts und Pulli, wieder andere in leichten Strandkleidern, wahlweise auch mit Fellweste bekleidet. Und doch eines eint alle. Sie haben Spaß, genießen den Abend unter Fremden und Freunden. Zwei Bauchtänzerinnen zeigen, was sie können und bei einbrechender Dunkelheit holen die „Großen“ ihre Spielzeuge raus und spielen mit Feuer. Brennende Reifen, brennende Peitschen, brennende Seile, die mit ganzen Körpereinsatz vor sich hergschwungen und wieder weggetreten werden. Alles ist voll Feuer. Es ist faszinierend. Während die Flut in sanften Wellen immer näher kommt, geht der Vollmond über dem Ozean auf. Im  Hintergrund schimmern ein paar Lichter der Stadt, das Trommeln der Drums geht ins Blut über, meine Füße spüren den Sand zwischen den Zehen. Er ist noch ganz warm vom Tag. Beeindruckt von dieser friedlichen Geselligekeit, dem Rauschen der Wellen und dem Feuerschein setze ich mich dazu und frage mich, ob und wenn ja, wo so etwas in Deutschland möglich ist. Natürlich gibt es auch dort Lagerfeuer am Strand, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich dort so große Gruppen bilden, ohne dass man sich kennt. Ich sitze zwischen einem Schweitzermädchen und einem Typen aus Israel, fotografiere und filme die Feuershows und komme währenddessen mit einem Kiwi-Fotografen und einer Feuerartistin im Zirkus-Outfit aus Australien ins Gespräch. Schöne, bunte Welt, du kannst so wunderbar vielfältig sein. Danke Leben, dass ich atme und den Duft der weiten Welt tief in mir aufnehmen kann.