Weihnachten in Neuseeland – Oder wieso der Weihnachtsmann ein Maori ist

MerryChristmas

Entweder bin ich einfach nur unglaublich mit Glück gesegnet oder es gibt doch noch Menschen auf dieser Welt, die sich darauf besinnen, was Nächstenliebe bzw. wie kostbar und wertvoll Vertrauen ist somit eines der schönsten Geschenke der Welt.

Pünktlich vor Weihnachten begeben wir uns auf die Reise, um die bevorstehenden Feierlichkeiten mit der Familie zu begehen und ahnen noch nicht, auf wieviel Freundlichkeit wir stoßen werden. Da unser Van Charlie ja im März jeglichen Lebenswillen verloren hat und wir seitdem ohne Auto sind, haben wir uns in das Abenteuer hitchhiken begeben. Ich persönlich finde es ja nach wie vor mehr als faszinierend, dass man hier so schnell nur mit dem rausgestreckten Daumen von A nach B kommt und die Leute gewillt sind, wildfremde Menschen mitzunehmen. So abenteuerlich das Ganze auch sein kann, so muss man sich (gerade als Frau) der Risiken bewusst sein. Ich für mich habe entschieden, dieses Abenteuer nur in Begleitung zu wagen, auch wenn Leute wohl mal eher eine als zwei Personen in ihrem Auto mitnehmen. Sei es drum, wir haben Zeit und für den Weg zur Fähre zwei Tage inklusive Übernachtung in Picton im mittlerweile heiß geliebten Hostel Jugglers Rest  eingeplant.

„Ich muss mal eben noch eine Kleinigkeit abholen…“

Schon der erste Teil der Reise läuft besser als erwartet. Unsere Nachbarin fährt am selben Tag in die Stadt und nimmt uns mit. Während wir unterwegs mit ihr sind, beschließt sie noch „eine Kleinigkeit“ abzuholen und wir könnten ihr dabei helfen: Ganz kurz denke ich: „Aber wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch noch weiter“. Im nächsten Moment ist das aber schon wieder vergessen, denn schließlich hilft sie uns und wir ihr. So wäscht eine Hand die andere und alle sind glücklich. Das Zeitproblem wird schon irgendwie werden. Die besagte Kleinigkeit stellt sich als zwei Haufen Backsteine raus, die sie ersteigert hat und für ihr Grundstück braucht. Das nenne ich mal Understatement – die Kiwis sind ganz große Klasse darin. Und auch wenn sie eigentlich Deutsche ist, so hat sie die Untertreibung schon ziemlich verinnerlicht. Sei es drum. Wir packen mit an und laden die Steine ins Auto und verfrachten uns später zwischen zwei Hunde (einer so groß wie ein Schaf), unsere Rucksäcke und die Spielsachen ihrer Tochter. Mittlerweile ist es schon zwei Stunden nach unserer kalkulierten Zeit und ich bin ein wenig besorgt, ob wir es an diesem Tag so weit schaffen wir vorgenommen. Während ich noch in schöner deutscher „immer über alles Besorgheit“ vor mich grübele, bietet sie auf einmal an, uns in die nächste Stadt zu fahren – als Ausgleich, weil wir ihr geholfen haben. Wir haben sogar noch Zeit für einen Kaffee und stellen uns frisch gestärkt an den Straßenrand, um weiter nach Picton zu kommen.

„Es fahren einige Autos vorbei…, die uns leider nicht mitnehmen können“

Daumen raus, lächeln, Schild halten, winken. Es fahren einige Autos vorbei, die uns jedoch zuwinken und verstehen geben, dass sie uns leider nicht mitnehmen können. So vergehen Minuten und es ist durchaus unterhaltsam. Bis es anfängt zu regnen. Den grauen Himmel habe ich schon seit geraumer Zeit im Auge gehabt, aber es hilft alles nichts, da müssen wir jetzt eben durch. Also Regenjacke an, Regencover über den Rucksack gezogen, Daumen wieder rausstrecken.
Und wer sagt es denn, da kommt ein Auto, es blinkt, es fährt links ran…

… und es fährt auf der Parkplatz – Vorfreude kann so schön sein.

Das geschieht noch einige Male und mittlerweile stört mich weder das, noch der Regen. Ich freue mich einfach so sehr auf ein richtiges Kiwi-Weihnachten, dass ich lache und vor mich hinstrahle. Anscheinend hat das die richtige Wirkung.

„Wo die Reise hingeht“

So hält ein älterer Maori-Mann an und bietet an, uns ein paar Kilometer mitzunehmen, was definitiv schon mal hilft. Wir steigen ein und genau in diesem Moment fängt der Regen an loszuprasseln. Es schüttet wie aus Eimern und spätestens jetzt bin ich sehr, sehr froh, dass wir im schützenden Auto sitzen.
Tokowha fragt, wohin die Reise geht und es stellt sich heraus, dass er in dem Ort geboren wurde, wo unsere Reise hinführt und in ein paar Tagen auch dort hinfährt. Dann erzählt er uns von seinem Problem. Er hat dort für einen Freund ein Auto gekauft und weiß nun nicht, wie er zwei Autos dorthin bringen soll. Noch während er sich durch den Regen kämpft, wird er langsamer, schaut nach links, schaut über seine Schulten nach hinten zu mir und fragt plötzlich, ob wir nicht das Auto überführen wollen.

„Mit einem Mal haben wir ein Auto“

Zuerst denke ich, ich habe es nicht richtig verstanden, doch dann sehe ich den erwartungsvollen Blick und realisiere, dass er uns tatsächlich angeboten hat, ein Auto von ihm dorthin zu fahren, wo wir hinmüssen.

„WAAAAASSS??? Der kennt uns doch gar nicht.“, schießt es mir durch den Kopf. Ich meine, wer würde denn in Deutschland jemand Fremden ein Auto anvertrauen? Völlig verwundert und erstaunt frage ich, ob ich darüber ein wenig nachdenken könnte. Er schmunzelt nur und sagt, dass das überhaupt kein Problem sei und ich soll mir nicht den Kopf zerbrechen, er würde auch das Fährticket für das Auto bezahlen. Wir müssten nur den Sprit übernehmen. Kurzentschlossen handle ich ganz nach dem Motto „No worries“ und sage zu.

„Das schöneste Haus der Welt“

Also fahren wir zu seinem Grundstück und darauf steht ein wunderschönes, altes und mit viel Liebe restauriertes, viktorianisches Holzhaus. Ich habe mich erneut verliebt. Dieses Haus ist so simpel und doch so elegant. Eine Veranda umringt das ganze Haus mit feinen, weißen Verzierungen am Dach. Der Rest ist naturbelassen holzfarben und gibt einen wunderschönen Kontrast zu der feingliedrigen Arbeit. Innendrin erwartet uns ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit offener Wohnküche, einem Kamin und einem Erker mit eingebauter Sitzbank. Wie wir erfahren, war das ursprünglich der Platz des Kamins. Am Sims der Erkerbank ist eine faszinierende Bildhauerei mit Maori-Motiven eingearbeitet, was eine wundervolle Idee ist, die ursprünglichen Bewohner Neuseelands mit der westlichen Kultur zu vereinen. Auch der Rest des Hauses ist ein gelungener Mix aus modernen Elementen und feiner Architektur und rustikaler Gemütlichkeit eines Holzhauses. Hätte ich das Geld, ich hätte das Haus umgehend gekauft – sofort. So aber war ich einfach dankbar, ein Haus wie dieses sehen zu können.
Tokowha zeigt uns auch den Rest des Grundstücks sowie das zu überführende Auto. Währenddessen unterhalten wir uns weiter und es kommt mir gar nicht vor, als würden wir zwei völlig Fremde sein. Vielleicht kommt es mir so vor, weil er den neuseeländischen Winter in Deutschland (ja richtig gelesen, IN DEUTSCHLAND) verbringt und viele deutsche Freunde hat. Er erzählt, dass er Touren anbietet, bei den Touristen auf der einen Seite Neuseeland kennenlernen, aber das der größte Teil darin besteht, Neuseeland wirklich kennenzulernen und Einblicke in die Traditionen der Maori gewährt. Soviel habe ich in den letzten Jahren über Maori gelesen, aber nichts wirklich gelernt. Und obwohl ich nun schon seit über einem Jahr in Neuseeland bin, habe ich noch keinen Maori richtig kennengelernt. Also nichts, was über Small-Talk hinaus geht.

„Vertrauen ist ein Geschenk“

Er ist eine Seele von Mensch – lustig und warmherzig und offen. Ich hoffe wirklich, dass wir ihn noch einmal wiedertreffen, denn ich glaube, dass er jemand ist, von dem wir ganz viel lernen können. Ich sag nur: Vertrauen.
Am Ende unseres Gesprächs, ist alles organisiert. Fähre gebucht, Auto vollgetankt, wir haben den Schlüssel in der Hand und ab geht es Richtung Norden.
In Picton angekommen und in unserem Lieblingshostel eingecheckt, suche ich mir erst einmal eine ruhige Ecke (das Murmeltier-Bett) zum Verarbeiten aller Eindrücke. Ich kann es nicht fassen, dass innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Menschen auf ihre Art und Weise gezeigt haben, wie wichtig Vertrauen ist.

Vertrauen in das Gute im Menschen. Vertrauen darauf, dass alles einen Sinn hat. Vertrauen, dass alles gut wird. Vertrauen in andere.
Und vor allem: Vertrauen in sich selbst.
Diese Erkenntnis ist eines der schönsten Weihnachtsgeschenke in meinem ganzen Leben.

Danke Santa Tokowha!

DearSanta