Weihnachten in Neuseeland – Oder wieso der Weihnachtsmann ein Maori ist

MerryChristmas

Entweder bin ich einfach nur unglaublich mit Glück gesegnet oder es gibt doch noch Menschen auf dieser Welt, die sich darauf besinnen, was Nächstenliebe bzw. wie kostbar und wertvoll Vertrauen ist somit eines der schönsten Geschenke der Welt.

Pünktlich vor Weihnachten begeben wir uns auf die Reise, um die bevorstehenden Feierlichkeiten mit der Familie zu begehen und ahnen noch nicht, auf wieviel Freundlichkeit wir stoßen werden. Da unser Van Charlie ja im März jeglichen Lebenswillen verloren hat und wir seitdem ohne Auto sind, haben wir uns in das Abenteuer hitchhiken begeben. Ich persönlich finde es ja nach wie vor mehr als faszinierend, dass man hier so schnell nur mit dem rausgestreckten Daumen von A nach B kommt und die Leute gewillt sind, wildfremde Menschen mitzunehmen. So abenteuerlich das Ganze auch sein kann, so muss man sich (gerade als Frau) der Risiken bewusst sein. Ich für mich habe entschieden, dieses Abenteuer nur in Begleitung zu wagen, auch wenn Leute wohl mal eher eine als zwei Personen in ihrem Auto mitnehmen. Sei es drum, wir haben Zeit und für den Weg zur Fähre zwei Tage inklusive Übernachtung in Picton im mittlerweile heiß geliebten Hostel Jugglers Rest  eingeplant.

„Ich muss mal eben noch eine Kleinigkeit abholen…“

Schon der erste Teil der Reise läuft besser als erwartet. Unsere Nachbarin fährt am selben Tag in die Stadt und nimmt uns mit. Während wir unterwegs mit ihr sind, beschließt sie noch „eine Kleinigkeit“ abzuholen und wir könnten ihr dabei helfen: Ganz kurz denke ich: „Aber wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch noch weiter“. Im nächsten Moment ist das aber schon wieder vergessen, denn schließlich hilft sie uns und wir ihr. So wäscht eine Hand die andere und alle sind glücklich. Das Zeitproblem wird schon irgendwie werden. Die besagte Kleinigkeit stellt sich als zwei Haufen Backsteine raus, die sie ersteigert hat und für ihr Grundstück braucht. Das nenne ich mal Understatement – die Kiwis sind ganz große Klasse darin. Und auch wenn sie eigentlich Deutsche ist, so hat sie die Untertreibung schon ziemlich verinnerlicht. Sei es drum. Wir packen mit an und laden die Steine ins Auto und verfrachten uns später zwischen zwei Hunde (einer so groß wie ein Schaf), unsere Rucksäcke und die Spielsachen ihrer Tochter. Mittlerweile ist es schon zwei Stunden nach unserer kalkulierten Zeit und ich bin ein wenig besorgt, ob wir es an diesem Tag so weit schaffen wir vorgenommen. Während ich noch in schöner deutscher „immer über alles Besorgheit“ vor mich grübele, bietet sie auf einmal an, uns in die nächste Stadt zu fahren – als Ausgleich, weil wir ihr geholfen haben. Wir haben sogar noch Zeit für einen Kaffee und stellen uns frisch gestärkt an den Straßenrand, um weiter nach Picton zu kommen.

„Es fahren einige Autos vorbei…, die uns leider nicht mitnehmen können“

Daumen raus, lächeln, Schild halten, winken. Es fahren einige Autos vorbei, die uns jedoch zuwinken und verstehen geben, dass sie uns leider nicht mitnehmen können. So vergehen Minuten und es ist durchaus unterhaltsam. Bis es anfängt zu regnen. Den grauen Himmel habe ich schon seit geraumer Zeit im Auge gehabt, aber es hilft alles nichts, da müssen wir jetzt eben durch. Also Regenjacke an, Regencover über den Rucksack gezogen, Daumen wieder rausstrecken.
Und wer sagt es denn, da kommt ein Auto, es blinkt, es fährt links ran…

… und es fährt auf der Parkplatz – Vorfreude kann so schön sein.

Das geschieht noch einige Male und mittlerweile stört mich weder das, noch der Regen. Ich freue mich einfach so sehr auf ein richtiges Kiwi-Weihnachten, dass ich lache und vor mich hinstrahle. Anscheinend hat das die richtige Wirkung.

„Wo die Reise hingeht“

So hält ein älterer Maori-Mann an und bietet an, uns ein paar Kilometer mitzunehmen, was definitiv schon mal hilft. Wir steigen ein und genau in diesem Moment fängt der Regen an loszuprasseln. Es schüttet wie aus Eimern und spätestens jetzt bin ich sehr, sehr froh, dass wir im schützenden Auto sitzen.
Tokowha fragt, wohin die Reise geht und es stellt sich heraus, dass er in dem Ort geboren wurde, wo unsere Reise hinführt und in ein paar Tagen auch dort hinfährt. Dann erzählt er uns von seinem Problem. Er hat dort für einen Freund ein Auto gekauft und weiß nun nicht, wie er zwei Autos dorthin bringen soll. Noch während er sich durch den Regen kämpft, wird er langsamer, schaut nach links, schaut über seine Schulten nach hinten zu mir und fragt plötzlich, ob wir nicht das Auto überführen wollen.

„Mit einem Mal haben wir ein Auto“

Zuerst denke ich, ich habe es nicht richtig verstanden, doch dann sehe ich den erwartungsvollen Blick und realisiere, dass er uns tatsächlich angeboten hat, ein Auto von ihm dorthin zu fahren, wo wir hinmüssen.

„WAAAAASSS??? Der kennt uns doch gar nicht.“, schießt es mir durch den Kopf. Ich meine, wer würde denn in Deutschland jemand Fremden ein Auto anvertrauen? Völlig verwundert und erstaunt frage ich, ob ich darüber ein wenig nachdenken könnte. Er schmunzelt nur und sagt, dass das überhaupt kein Problem sei und ich soll mir nicht den Kopf zerbrechen, er würde auch das Fährticket für das Auto bezahlen. Wir müssten nur den Sprit übernehmen. Kurzentschlossen handle ich ganz nach dem Motto „No worries“ und sage zu.

„Das schöneste Haus der Welt“

Also fahren wir zu seinem Grundstück und darauf steht ein wunderschönes, altes und mit viel Liebe restauriertes, viktorianisches Holzhaus. Ich habe mich erneut verliebt. Dieses Haus ist so simpel und doch so elegant. Eine Veranda umringt das ganze Haus mit feinen, weißen Verzierungen am Dach. Der Rest ist naturbelassen holzfarben und gibt einen wunderschönen Kontrast zu der feingliedrigen Arbeit. Innendrin erwartet uns ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit offener Wohnküche, einem Kamin und einem Erker mit eingebauter Sitzbank. Wie wir erfahren, war das ursprünglich der Platz des Kamins. Am Sims der Erkerbank ist eine faszinierende Bildhauerei mit Maori-Motiven eingearbeitet, was eine wundervolle Idee ist, die ursprünglichen Bewohner Neuseelands mit der westlichen Kultur zu vereinen. Auch der Rest des Hauses ist ein gelungener Mix aus modernen Elementen und feiner Architektur und rustikaler Gemütlichkeit eines Holzhauses. Hätte ich das Geld, ich hätte das Haus umgehend gekauft – sofort. So aber war ich einfach dankbar, ein Haus wie dieses sehen zu können.
Tokowha zeigt uns auch den Rest des Grundstücks sowie das zu überführende Auto. Währenddessen unterhalten wir uns weiter und es kommt mir gar nicht vor, als würden wir zwei völlig Fremde sein. Vielleicht kommt es mir so vor, weil er den neuseeländischen Winter in Deutschland (ja richtig gelesen, IN DEUTSCHLAND) verbringt und viele deutsche Freunde hat. Er erzählt, dass er Touren anbietet, bei den Touristen auf der einen Seite Neuseeland kennenlernen, aber das der größte Teil darin besteht, Neuseeland wirklich kennenzulernen und Einblicke in die Traditionen der Maori gewährt. Soviel habe ich in den letzten Jahren über Maori gelesen, aber nichts wirklich gelernt. Und obwohl ich nun schon seit über einem Jahr in Neuseeland bin, habe ich noch keinen Maori richtig kennengelernt. Also nichts, was über Small-Talk hinaus geht.

„Vertrauen ist ein Geschenk“

Er ist eine Seele von Mensch – lustig und warmherzig und offen. Ich hoffe wirklich, dass wir ihn noch einmal wiedertreffen, denn ich glaube, dass er jemand ist, von dem wir ganz viel lernen können. Ich sag nur: Vertrauen.
Am Ende unseres Gesprächs, ist alles organisiert. Fähre gebucht, Auto vollgetankt, wir haben den Schlüssel in der Hand und ab geht es Richtung Norden.
In Picton angekommen und in unserem Lieblingshostel eingecheckt, suche ich mir erst einmal eine ruhige Ecke (das Murmeltier-Bett) zum Verarbeiten aller Eindrücke. Ich kann es nicht fassen, dass innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Menschen auf ihre Art und Weise gezeigt haben, wie wichtig Vertrauen ist.

Vertrauen in das Gute im Menschen. Vertrauen darauf, dass alles einen Sinn hat. Vertrauen, dass alles gut wird. Vertrauen in andere.
Und vor allem: Vertrauen in sich selbst.
Diese Erkenntnis ist eines der schönsten Weihnachtsgeschenke in meinem ganzen Leben.

Danke Santa Tokowha!

DearSanta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Regen, Vögel, Spinnen und der Schicksalsberg

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Wer diese Begriffe liest und mich ein bisschen kennt, weiß, dass dies keine besonders gute Kombination für mein Wohlbefinden darstellt. Seit Tagen tropft es stetig und erbarmungslos vom Himmel. Der Regen schlägt mir aufs Gemüt und beeinflusst unsere Reise wesentlich in den Unternehmungen. Um nicht zu sagen, dass Regen unsere komplette Route bzw. den Plan der gewünschten Aktivitäten zerstört. Tagtäglich, manchmal sogar mehrmals am Tag, ändern wir wegen der Wetterbedingungen den Plan und schmeißen von einer Minute zur anderen alles um. Und mit einem Mal füttert man Vögel im Kiwipark und ist wenig später zu Gast im Hobbit-Land. Allein schon, dass ich mich für diesen besagten Vogelpark hab hinreißen lassen, beweist wohl, dass ich mittlerweile einen ganz guten Entspannungszustand erreicht habe. Seit ich als etwa 10-12 jähriges Mädchen bei einer Freundin heimlich „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock gesehen habe, ist in mir eine äußerst tiefe Skepsis den gefiederten Viechern gegenüber verankert. Aber nun ja, was soll es. „In so einem Vogelpark kann ja nichts passieren. Die sind ja in Käfigen und so.“, denke ich, als der spontane Vorschlag aufkam, ob wir dem Regenwetter aus dem Weg gehen und dort einen kleinen Zwischenstopp einlegen. So sehe ich dann endlich auch mal einen Kiwi. Was ich jedoch nicht wusste und auch konsequenterweise alle Hinweisschilder übersehe, war, dass es ein Freiflieggehege gibt und wir auch noch ausgerechnet zur Fütterungszeit dort eintreffen. Ich kann gar nicht so schnell schauen, wie die Vogelpflegefrau auf mich zukommt und mir Körner in meine ausgestreckte Hand gibt. Warum tue ich das??? Zitternd, schwitzend und leicht verängstigt und mit weit ausgestreckter Hand, schaue ich zu, wie sich ein Vogel auf meiner Hand (Ist das wirklich MEINE?) niederlässt und ganz friedlich anfängt zu picken.

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Mein Herz beruhigt sich langsam, ich mich auch, aber ganz geheuer ist mir diese Situation nach wie vor nicht. Und auf einmal schreit es neben mir: „Auaaa“
Stefan beschwert sich, dass der Vogel ihm in die Hand gepickt hat. Ich hab es ja von Anfang an gewusst. Diese verfressenen Viecher… Nichts als Garstigkeit steckt in ihnen. Allein schon dieser spitze Schnabel und die Krallen, die sich so wunderbar in die Haut graben können. Neee, meine Lieblingstiere werden Federviecher nicht. Höchstens als Braten auf dem Tisch. Und alles nur, weil wir dem Regen entgehen wollen.
Erleichtert und trotzdem auch ein ganz klitzekleines bisschen stolz, komme ich draußen am Camper an. Der stetige Regen hat sich mittlerweile in ein leichtes Nieseln verwandelt, zwischendurch wird die Wolkendecke etwas dünner und wir fahren weiter in das, von Ela so sehnsüchtig erwartete, Hobbit-Land. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, wird das Wetter besser und wir sind guter Dinge, trocken durch das Auenland zu wandern. Und tatsächlich, als Stefan uns abliefert, klart es etwas auf und Ela und ich starten zu unserem Mädchenausflug in das Set vom „Kleinen Hobbit“. Es tut gut, einfach mal nur unter uns zu sein. Obwohl wir nicht so sehr viel reden, ist es schön, einfach nur Zeit zu zweit zu verbringen.

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Auch die kommenden Tage werden nicht besser. Immer wieder Regen. Es wird klamm im Camper, die Handtücher bleiben klamm und trocknen nicht richtig. Trotzdem ist es in unserem kleinen Zuhause auf vier Rädern gemütlich. Ich liege unterm Camperdach, lausche dem Prasseln der tausend Tropfen und lese. Meine Haare kitzeln am linken Oberarm. Genervt von den dünnen Zotteln überlege ich, ob ich nicht doch vorher noch zum Friseur hätte gehen sollen, schaue nach an den Ort allen Übels und…
… und schreie… Schrill und laut, dazu eine panische Handbewegung mit der rechten Hand hinüber zum linken Arm. Voller Schreck schnipse ich die Spinne weg und verkrieche mich auf meiner 1.20 m breiten Liegefläche in die am weitesten von der Spinne entfernten Ecke. Unten lachen Ela und Stefan und fragen, was los sei. Ich lache ebenfalls, gleichzeitig kullern Tränen des Schrecks über mein Gesicht und erst als Stefan diese dicke -in meinen Augen nahezu riesige Spinne- entfernt hat, beruhige ich mich langsam wieder. Unruhig wälze ich mich von einer Seite zur anderen, ich kann mal wieder nicht schlafen, denn am nächsten Tag geht’s nach Mordor, dem Schicksalsberg aus Herr der Ringe. Früh reißt uns das Klingeln des Weckers aus dem Bett und mich aus meiner gerade gefundenen Tiefschlafphase. Mit frischem Kaffee fahren wir einige Höhenmeter die Berge hinauf. Die Wolken hängen nach wie vor tief. Meine Laune auch. Super, Regen, nass und dann auch noch wandern. Mein Schicksal wird Mordor wohl nicht. Ich beschließe, die zwei begeisterten Wanderer in unserer Runde allein zu lassen. Sollen die doch ihr Glück im Regen, zwischen Vulkangestein und Orks finden. Ich bin auch ganz gern mal mit mir selbst allein und hänge meinen Gedanken nach. Zurückgelassen im Camper, setze ich mich in einer kurzen Regenpause mit meiner Umgebung auseinander, laufe ein paar Schritte. Hinter mir liegt eine karge Hochebene aus Vulkangestein.

20131207-115046.jpg Vor mir sieht es nicht besser aus. In einem
Berg aus grauem Dunst liegt er. Er, der Schicksalsberg.

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Trotz des Wetters, oder vielleicht gerade deswegen, herrscht eine ganz besondere Stimmung. Die Landschaft ist wenig bewachsen, wirkt dunkel und wenig einladend. Der Gipfel hängt nach wie vor in regenschweren Wolken. Ich bin zwar froh, nicht darin zu sein, aber die einsam karge Landschaft übt einen Reiz auf mich aus und ich entscheide, irgendwann wiederzukommen. Ohne Regen. Aber dann, dann werde ich mich eingehend mit dem Schicksalsberg beschäftigen.

Schwule Haie…

… oder eben auch Delfine. Genau diese kleinen Säugeraketen wollten wir bestaunen, sie sehen, mit ihnen schwimmen. Von mir ein Lebenstraum und  gleichtzeitig Elas persönlicher Albtraum. Der erste Versuch ist wetterbedingt schon kläglich in Russel, der Bay of Islands, gescheitert. Eigentlich sind wir nur aus diesem einen Grund soweit in den Norden gefahren. Natürlich haben wir uns den zauberhaften Küstenort mit seiner subtropischen Vegetation, einer kleinen „Hafenmeile“ – ca. 200 m lang –  und den süßen Häusern im viktorianischen Stil angeschaut. Doch eigentlich wollten wir nur mit Delfinen schwimmen. Erwartungsvoll stehen wir eines Morgens auf dem Steg, warten bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel auf unser Boot. Es verspricht ein wundervoller Tag zu werden. Ich bin aufgeregt und hänge meinen Gedanken nach. Endlich, endlich geht ein Traum in Erfüllung. Auch Ela hängt ihren Gedanken hinterher. Allerdings ist sie damit beschäftigt, sich mit ihrem Medizini-Trauma (ja genau, die Zeitschrift mit Riesenposter aus der Apotheke für Kinder) auseinanderzusetzen. Währenddessen zieht der Himmel sich zu und das eben noch so strahlende Blau verwandelt sich langsam aber sicher in ein undurchdringliches Hellgrau, welches die Berge am anderen Ende der Bucht verschwinden lässt. Das Schiff legt an, unser Guide kommt auf uns zu und erklärt uns die Vorgehensweise, nur um uns im allerletzten Moment zu sagen, dass der Hinweg okay wäre, ab der Hälfte der Zeit aber Sturm angesagt ist. Pafffff – meine Traumseifenblase von tiefblauen Weiten des Ozeans, strahlender Sonne und lustigen Delfinen im wellenfreien Wasser zerplatzt. Und genau in diesem Moment sagt Stefan: „Ich bin nicht seefest“. Innerhalb von Sekunden geht mir durch den Kopf, ob ich wirklich mit einer „traumatisierten“ Ela und einem kotzenden Stefan dieses Erlebnis erfahren will. Und ist es wirklich ratsam mit einem Schnorchel bewaffnet bei meterhohem Wellengang ins Meer zu hopsen? Erfahrungen meiner Kindheit mit dem Plastikschnorchel und das Gefühl von äußerst salzigem Wasser in der Luftröhre kommen in mir hoch. Wir canceln die Tour.

Das war Versuch Nummer eins.

Wie schon in einem anderen Beitrag erwähnt, entschließen wir uns, auf der Suche nach Sonnenschein und guten Wetterbedingungen in die Bay of Plenty nach Tauranga zu fahren, denn da soll man auch ganz großartig mit Delfinen schwimmen können. Es werden quasi täglich welche gesichtet und zuletzt sogar Orkas. Sehr gut. Meine Kleinmädchentraum-Delfinseifenblase gewinnt wieder an Volumen und wird noch größer und schillernder als zuvor, vor allem als sich die Sonne am Himmel zeigt und für die nächsten Tage stabil gutes Wetter angesagt ist. Delfine, Orkas… Flipper und Free Willy erscheinen vor meinem inneren Auge und ein Ohrwurm setzt sich in mir fest: „Flipper, Flipper…“. Weiter komme ich mit dem Text nicht, aber die Melodie ist da. Ein gutes Zeichen – denke ich. NOCH.

Die Nacht vor der Tour kann ich kaum schlafen. Erst kann ich nicht einschlafen, dann wache ich ständig auf und werde final auch noch vor dem Weckerklingeln um 6.00 Uhr morgens wach. Um Punkt 7.26 Uhr finden wir uns an der Marina ein, erhalten Neoprenanzug und Schnorchelzeugs und steigen aufs Schiff. Ela ist für ihre Verhältnisse und der Angst, der sie sich stellen muss, relativ ruhig, Stefan hat vorsorglich in der Apotheke Anti-Brechmittel besorgt und auch genommen, ich beschäftige mich mit meiner GoPro und den letzten Einstellungen der Kamera. Es muss ja schließlich alles festgehalten werden. Alles ist perfekt vorbereitet.

IMG_4455Wir fahren aufs offene Meer, am Mount Maunganui vorbei, irgendwelchen Inseln mit Waranen, sehen andere Schiffe, bekommen erklärt, wo Tauchwracks liegen und welche Schiffsunglücke stattfanden. Und plötzlich ist etwas zu sehen. Ein Schatten, eine Flosse. Ich hab es doch gewusst, da kommen sie die Delfine. Naja, oder eben auch nicht. Die Flosse ist schwarz und Delfine sind doch grau, oder? Schon knarzt es aus den Lautsprecher, dass es sich um einen Sunfish handelt und er äußerst selten zu sehen sei. Seine Rückenflosse ähnelt der eines Hais, aber sie wackelt so komisch, dass es aussieht als wäre es ein „betrunkener Hai“. Das war der Witz des Skippers. Hahaha, noch lachen wir darüber. Noch, denn wir wussten nicht, dass dies der einzige Fisch sein wird, den wir zu sehen bekommen. Nach fast 6 Stunden Bootfahren haben wir kein einziges Säugetier gesehen, was Flossen besitzt oder auch nur ansatzweise Ähnlichkeit mit einem Delfin besitzt. Enttäuscht ziehen wir uns unter Deck zurück. Die Stimmung an Board ist gekippt, aber als Entschädigung erhalten wir einen Gutschein für eine weitere Fahrt. Es ist schließlich erst das 4. Mal in 2 Jahren, dass sie gar nichts gesehen haben. Mit unserem kleinen Camper (Turbo-Pascal – mehr dazu auf Elas Blog http://www.lilafarbfilm.de) sind wir glücklicherweise flexibel und buchen die Tour erneut für den nächsten Tag. Es ist das erste Mal, dass ich denke, ob Delfine nicht doch nur schwule Haie sind.

Das war Versuch Nummer zwei.

Nächster Morgen, noch früheres Aufstehen um 5.30 Uhr. Wir stehen auf einem wunderschönen Platz am Strand, jedoch ohne Duschen und etwas außerhalb, dafür ohne Geld. Es ist mal wieder „keine-Duschen-Tag“. Macht ja nix, ich springe ja eh gleich ins Meer. Mein Neo – mein eigener, denn ich ich will ja nicht in fremgeschwitzte Sachen steigen – hat vom gestrigen Tag noch Salzflecken, der muss endlich mal nass werden, denke ich. Also packe ich ihn ein. An der Marina das Übliche Prozedere. Schnorchelzeugs entgegennehmen, aufs Schiff laufen, Platz sichern, Kaffee trinken, sich die gleichen Sprüche vom Vortag anhören und mit den Augen auf Delfinsuche gehen. Spritzwasser, Flossen, viele Vögel auf einem Haufen – all das sind Indikatoren dafür. Und siehe da: Fischschwärme im Wasser, Vögel an der Wasseroberfläche – Ela sieht es noch vor mir. Irgendwie hat sie ihre Panik ziemlich gut im Griff dafür, dass da gleich die kleinen, grauen Scheisser hochkommen.

Noch guter Dinge...

Noch guter Dinge…

Zack, da sind sie. Ein, zwei, sechs, acht. Es geht aufeinmal alles so schnell. Wir stehen an der Reling, ich staune Blauklötze auf die grauen, glänzenden Rücken und zuuuuuuummmmmm, da sind sie auch schon wieder weg. Nee, die sind nicht neugierig auf uns, sondern schwimmen einfach davon. Raketenschnell. Fassunglos und doch in der Hoffnung, dass sie gleich umdrehen und mit 300 von ihnen wiederkommen, starre ich ihnen hinterher. Solange bis außer kleinen Wellenkämmen am Horizont nichts mehr zu sehen ist. Minuten vergehen, ich setze mich hin, halte angestrengt Ausschau nach weiteren Delfinen. Aber nööö, es lässt sich keiner mehr von denen blicken. Warum auch? Wir sind ja nur ein Boot. Und von Booten gibt es einige in dieser Bucht. Die Neugierde wird so wohl kaum geweckt. Schwule Haie, ey! Resigniert zerre ich mir den Neo vom Leib, denn natürlich habe ich mir den voller Eifer und in sekundenschnelle angezogen als die ersten Viecher zu sehen waren.

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Das war Versuch Nummer drei. Mission erfolgreich gescheitert.

Das Fazit der Geschichte? 3 erfolglose Versuche, Kleinmädchen-Lebenstraum-Seifenblase geplatzt, ein angeschwitzter Neopren-Anzug, Stefan, der sein Anti-Brechmittel völlig umsonst genommen  und Ela, die ihr Riesenposter-Delfintrauma immer noch nicht bewältigt hat.