Vertraut auf euer Bauchgefühl

 Es ist der absolute Wahnsinn. Die letzten vier (!!!) Monate hier am anderen Ende der Welt sind so schnell vergangen, dass ich weder emotional verarbeiten konnte, was eigentlich geschehen ist, noch war daran zu denken, einen eingermaßen sinnvollen Blogeintrag zu schreiben.
Und nun bin ich auch schon fast wieder auf dem Weg nach Deutschland.
Nein, nicht für immer, nur für kurze Zeit – und danach heißt es wieder: „Und tschüss, ich bin dann mal weg ein bisschen. Naja, oder auch für ein bisschen länger. Oder für immer???
Puuh, also der Reihe nach. Oder soll ich Fotos auf den Tisch knallen und euch sagen: Mein Haus, mein Job, mein Visum, mein Hund?
Vielleicht doch lieber eines nach dem anderen.

Nach 1,5 Jahren des Herumreisens, Geld ausgebens, Ausprobierens und einfach nur Seins, musste der Ernst des Lebens wieder anfangen, Geld in die Kasse kommen und ich mich endlich mal dazu bekennen, was ich eigentlich will.
Ja was will ich denn eigentlich? Zurück nach Deutschland? Nein!
Hier in Neuseeland bleiben? Ja, definitiv und aus vollem Herzen.
Auch wenn ich, wie im letzten Post beschrieben, mein Hamburg sehr vermisse und natürlich auch Freunde und Familie fehlen, so fühle ich mich doch mehr mit Neuseeland verbunden, als mit dem Land in dem ich geboren wurde. Entscheidung: Job suchen, aber einer der passt, einer den ich wirklich machen will, ein Job, bei dem ich mit dem Herzen hinter stehe. Und natürlich auch in meinem Bereich, so dass das Visum auch garantiert wird.

Punkt eins – Job in Neuseeland
Die 3. Bewerbung war dann direkt ein Volltreffer. Schon beim Lesen der Anzeige wusste ich, DER Job ist es! Ich sage euch, vertraut auf euer Bauchgefühl. Beworben, Telefonat, Interview, Visum beantragt, angefangen zu arbeiten. Zack, das ging in einem Rutsch.
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass der Job mich auch momentan ein wenig vom Blog schreiben abhält, weil ich da ziemlich eingespannt bin, ABER mit jeder Menge Spaß! Ich schreibe später mal dazu.

Punkt zwei – Hund in Neuseeland
Ich bin auf den Hund gekommen. Seit 6 Wochen bereichert ein Briard mein Leben. Auch wie Aubrey den Weg zu uns gefunden hat, ist eine Geschichte für sich. Nur um ihn mal kurz vorzustellen. Aubrey, fast 7 Jahre, französischer Hirtenhund und, nunja, sagen wir mal – er ist eine Persönlichkeit.


Punkt drei – Haus in Neuseeland
Ich wohne tatsächlich in meinem Traumhaus. Erinnert ihr euch noch an die Geschichte vom Maori-Weihnachtsmann? Der Mann, der uns sein Auto einfach so anvertraut hat? Nach 5 Minuten(!!!)?
Jetzt wohne ich im Paradies. Um mich herum nur Natur, kein Autolärm, nur Vögelzwitschern und das Rauschen des Baches. UND es gibt eine Badewanne – freistehend (im Haus natürlich).

Punkt vier – Besuch in Deutschland
Ich komme nach Deutschland und zwar schon in zwei Wochen. Unglücklicherweise erfordert mein Job es, dass ich mal eben rübergeflogen komme. Hahahaaa, wie wichtig sich das anhört. Also die Wahrheit ist, ja ich werde ich Deutschland auch arbeiten, aber ich habe auch ein paar Tage frei. Und diese werde ich dann damit verbringen, meine Wohnung in Hamburg aufzulösen. Und ein paar Lieblingsmenschen wiederzusehen.

Punkt fünf – Visum für Neuseeland
bzw. eigentlich Punkt 1.1.
Wegen des Job-Angebots, was die Immigration New Zealand als „skilled“ und gesucht ansieht, habe ich ein Visum für drei Jahre bekommen. DREI.

In dieser ganzen Zeit sind auch ein paar weniger schöne Dinge geschehen, die mich emotional mitgenommen haben.


So ist meine liebe Omi (im großartigen Alter von 91 Jahren) verstorben. Die Entscheidung auf Grund Geldmangels und Jobstart nicht nach Deutschland zu fliegen war wirklich nicht einfach. Ich knabbere auch immer noch daran, aber im Endeffekt muss man ja auch nach vorne schauen, denn das Leben geht weiter. Wie schnell sich das Karussell des Lebens weiterdreht, habe ich hier nun erfahren, denn all die genannten Punkte sind in nur vier Monaten geschehen.

Nun ist es aber auch an der Zeit, nach fast zwei Jahren, einmal zurück in die Heimat zu kommen und richtig Abschied zu nehmen. Denn damals, im August 2013, da habe ich bei Weitem nicht damit gerechnet, in Neuseeland zu bleiben – und schon gar nicht für immer.

Also, in spätestens 15 Tagen bin ich wieder ganz nah und bringe ein wenig Potsdam, Berlin, Hamburg und München durcheinander.

looking for dolphins

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Geburtstag nach Kiwiart

catlins-video… ich bin dann mal weg. Für ein paar Tage anlässlich meines Geburtstages.
So habe ich mir das gedacht und in die Tat umgesetzt.
Nach dem letzten Jahr im Dauerregen konnte es ja wettertechnisch nicht schlimmer kommen – dachte ich.
Kann es nömlich doch. Mit Hagel, Regen, Schnee, Gewitter und auch Sonnenschein – innerhalb 24 Stunden. Aber diesmal war ich vorbereitet und habe abwechselnd Regen- und Winterjacke getragen, Mütze aufgesetzt, Thermounterwäsche angehabt (mmmmhhhh ja, ich weiß – seeeexy, aber eben praktisch) und die Nacht im Auto unter zwei Bettdecken verbracht.
Dafür hatte ich einen unglaublichen Ausblick auf das Meer, habe Seelöwen und Pinguinen getroffen und Wasserfälle bestaunt.
Hier ein kleines Video als ersten Versuch die Eindrücke mal visueller einzufangen. Viel Spaß!

Alles in allem war es ein wunderschöner Tag und zu Hause angekommen, hat auch ein Päkchen aus Deutschland bei der Post auf mich gewartet! Eltern sind doch einfach die besten!

Diese unendliche Weite – und das Geräusch von Kettensägen

Central_Otago

Wie neulich, also vor langer Zeit, schon einmal angedeutet, passiert hier bei mir eine ganze Menge und ich komme einfach nicht mehr hinterher mit dem Aufarbeiten meiner Geschehnisse, Gedanken und Emotionen.

„Leben mit Millionen-Dollar-Aussicht“

Gerade eben war ich noch im Norden der Südinsel mitten im Abel Tasman angesiedelt und nun auf einmal in Central Otago. Wobei gerade eben ja nun auch nicht wirklich stimmt, denn es ist schon wieder 1,5 Monate her. Aber zurück zu Central Otago. Ich möchte an dieser Stelle die Eindrücke meiner Mum dazu wiedergeben:„Diese Weite“ oder auch „Hach, ist das schön. Claudi, schau doch mal!!! Diese Weite.“

– Stille für einige Sekunden-

Dann direkt noch einmal: „Claudiaaaa, diese Weite, jetzt schau endlich!“. Nebenbei bemerkt, ich bin die ganze Zeit Auto gefahren und habe mich dementsprechend mehr auf die Straße und den Verkehr konzentriert, als die Landschaft zu bestaunen. Aber verübeln kann man meiner Mum die Begeisterung wirklich nicht. Mich hat sie ja schon in ihren Bann gezogen, als wir mit Turbo-Pascal durch die Toskana am anderen Ende der Welt getuckert sind.
Naja, und nun lebe ich hier auf einmal. In einem Haus mit einer Millionen-Dollar-Aussicht. Wie wir sehen, sehen wir weit und breit nichts. Außer Weite, unendlicher Weite.
Central-Otago-Land-of-GoldWie wir hier hergekommen sind und was wir hier tun?
Auf dem Berg im Abel Tasman haben wir letztes Jahr eine neue Nachbarin bekommen. Aus Deutschland, und man mag es nicht glauben, aus Hamburg! Schnell haben wir herausgefunden, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und noch schneller als wir gucken konnten, wurden aus Nachbarn Freunde.
Eines Tages erzählte sie uns, dass sie Hilfe mit der Renovierung ihres Hauses in Central Otago bräuchte und da sie wegen Tieren und Kind ihr Zuhause nicht lange allein lassen kann, haben wir ihr unsere Hilfe angeboten. Von dieser Aussicht hat aber niemand gesprochen und so waren wir ganz überwältigt, als wir hier angekommen sind und ein kleines, süßes Holzhäuschen mit unbezahlbarer Aussicht vorgefunden haben.

„Internet – $90 für 5 GB“

Der Nachteil: Internet empfange ich nur übers Handy und das ist sauteuer. Alternativ könnte ich auch Internet über Satellit ordern, aber das ist noch teurer. Eine Möglichkeit gibt es noch, das nennt sich Rural Wifi und wird von Vodafone angeboten. Immer noch teuer, aber ich bin nicht mehr an 1-5 GB pro Monat gebunden. Der Haken an der Sache ist, dass Vodafone mir das nicht geben will, weil mein Visum nur bis Mitte August gültig ist. Also kreuche und fleuche ich hier weiterhin mit unfassbar teuren ( $90 NZD!!!)5 GB pro Monat rum und versuche den Rahmen einzuhalten.

„Neues von der Visums-Front“

Achja, Visum. Auch von dieser Front gibt´s Neuigkeiten. Ich werde alles auf eine Karte setzen und Residency beantragen. Alles was mir dafür fehlt, ist ein Job-Angebot. Halt, falsch! Alles was mir dafür FEHLTE – Vergangenheit.
Ich habe nämlich eines von unserer Freundin bekommen und glücklicherweise stehen Marketing-Specialits auf der Liste der Skilled Occupations, was es möglich macht, mich über die Skilled Migrant Category zu bewerben. Das ist der GROBE Plan.
Die Details sind zu kompliziert und verwirrend und ich steige derzeit noch durch den neuseeländischen Bürokratie-Dschungel.
Fakt ist:

  • ich muss einen Englisch-Test machen (IELTS) = $385 NZD
  • meine bisherige Qualifkation beweisen und anerkennen lassen = ca. $800 NZD
  • alle Dokumente übersetzen lassen (muss natürlich zertifiziert sein) = $560 NZD
  • Führungszeugnis (das war einfach und schnell zu bekommen und natürlich ohne Eintragungen) = 15 Euro
  • plus Gebühren für die Ausstellung von Geburtsurkunde, Porto von D nach NZ,
    Zweitausfertigungen von Abschluss-Zeugnissen, weil die in einer Kiste aufm Dachboden in Hamburg versteckt sind. So gut, dass ich mich einfach nicht mehr erinnern kann, wo ich die hingetan habe.

Möchte jemand vielleicht etwas (Datenvolumen)spenden?

So, während meine Eltern in Deutschland meine Unterlagen horten und mir schicken, gebe ich hier munter die Kohle aus und die Kreditkarte kommt ganz schön ins Glühen. Nein, ich habe immer noch nicht im Lotto gewonnen, nein ich tue nichts Illegales, und ja, das Geld wird langsam knapp. Aber sei es drum. Man lebt ja nur einmal und ich habe mich dazu entschlossen, diesn, wenn auch unsicheren, Weg zu gehen. Sobald ich alle Dokumente beisammen habe und das Ergebnis des Englisch-Tests, kann ich Anfang Mai meine „Expression of Interests“ an die Immigrationsbehörde schicken.

„$510 fürs Punkte zählen“

Die zählen dann meine Punkte zusammen und wenn es für sie über 140 ergibt, dann bekomme ich die Einladung mich um Residency zu bewerben. Da wird dann ganz genau geprüft, ob das auch alles stimmt, was ich angebe und vor allem das Jobangebot und meine Qualifikationen.
Jedenfalls werde ich nur für meine Interessens-Bekundung nocheinmal $510 NZD bezahlen dürfen. Großartig, oder? Nur dafür, dass ich sagen: „Hey, ich hab einen einigermaßen guten Bildungshintergrund in Jobs für die ihr dringend Leute sucht, und ich möchte gerne in eurem Land leben und VOR ALLEM ARBEITEN. Ich möchte aktiv etwas für euer BIP tun und noch mehr Menschen von Neuseeland überzeugen. Ich möchte aktiv etwas dafür tun, dass dieses Land an mir Geld verdient.“ – Na, dann kann ich ja direkt erst mal $510 NZD fürs Punkte zählen bezahlen.

Eigentlich ein gutes System, der Staat verdient an den Träumen anderer Menschen, nur weil sie in diesem Land leben möchten. Wie handhabt das eigentlich Deutschland? Weiß das einer?
Ich will mich aber nicht beschweren, ich habe es mir so ausgesucht und Bürokratie kostet immer Zeit und Geld. Und ich meine mal ernsthaft, bei diesem Ausblick, wer berschwert sich da schon?

Central-Otago-lightning

 

Selbst bei Gewitter ist die Sicht fantastisch. Was eher wenig fantastisch ist, ist der Fakt, dass das Holzhaus bei Donner vibriert und wackelt. Und trotzdem ist es einfach faszinierend zu beobachten, mit wieviel Macht und Gewalt sich die Wolken ganz plötzlich zusammenbrauen oder aber langsam über die Berge schieben, um dann ihre ganze Kraft zu entfalten und mit einem langen, tiefen Grollen die Entladung ankündigen.

So sitze ich hier am Schreibtisch in der Mitte des Nirgendwos in Central Otago, blicke auf diese Weite, die nur am Horizont von den Südalpen begrenzt wird, schreibe nach langer Zeit mal wieder meinen Blog, recherchiere meine To-Dos für die Immigrationsbehörde, lerne für den bevorstehenden Englisch-Test und lausche dem Singen von Vögeln, dem Blöken von Schafe, dem Röhren von Hirschen (unsere Nachbarn farmen Hirsche) und einer Kettensäge!!!
Moment, Kettensäge??? Ja genau, wir sind ja hier nicht nur zum am Schreibtsisch sitzen und Blog schreiben gekommen, sondern auch um unserer Freundin zu helfen. So wird also der Garten in Ordnung gebracht, die Bäume beschnitten (dafür die Kettensäge), Wände abgeschliffen und gemalert, Fußboden neu verlegt, …, …, …, blubb, blubb, blubb, blubb… – Aus mit der romantischen Vorstellung, morgens mit einem Cappuccino am Blog zu schreiben oder aber, wenn man sich grad nicht danach fühlt, abends mit einem Glas Rotwein der untergehenden Sonne über den Bergrücken zuzuschauen und dann ein paar Zeilen zu tippen. Hier wird gearbeitet, auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Arbeit mehr plane und wann, was gemacht wird. Im Organisieren war ich schließlich schon immer sehr gut. Aber ab zu hab ich dann doch mal die Farbrolle in der Hand und streiche Wände, oder tunke meine Haare in Farbe und verteile sie anschließend ungewollt über meine gesamten Klamotten.
„Die Freuden des Renovierens der Claudia M.“ – der Titel für den nächsten Post?

Ich merke, ich schweife ab…
Zusammenfassend kann man also sagen, dass ich derzeit das Leben hier plane und versuche einen Weg zu finden, hierbleiben zu dürfen. Vor mir liegen dementsprechend ein paar Monate Kommunikation mit der Immigrationsbehörde. Wir schauen mal, was die nächsten Tage und Wochen hergeben. Vielleicht schreibe ich auch lieber über die modische Geschmacklosigkeit von bezahlbarer Mode made in NZ. Oder das Problem, schöne Möbel zu finden, welche mit Stil!!!
Ihr seht es schon, es ist alles nicht so einfach, aber ich sende euch trotzdem Umarmungen vom anderen Ende der Welt. Es ist trotzdem schön hier.
PS: Manchmal ist es richtig toll, wenn Papier so geduldig ist – bzw. mein Computer.

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N bisschen „tipsy“ an Silvester und ganz viel Schlaf

Alkohol um 10 Uhr morgens!

Möglich macht das eine Weinverkostung und die glückliche Fügung, dass ich nicht der Fahrer bin.
Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon jemals um 10 Uhr morgens angefangen habe Alkohol zu trinken, aber was tut man nicht alles um seine Pflicht zu erfüllen. Ja genau, es war eine Pflicht.
Nachdem wir uns von der Nordinsel mit dem Bus und der Fähre wieder nach Picton durchgeschlagen haben und ich vor lauter Schlafentzug dezent halluziniert habe, schlägt mir der Hostelbesitzer vor, eine Weinverkostung im befreundeten Weingut „Johanneshof“ zu machen. Eigentlich schlägt er es nicht nur vor, er bestimmt das einfach so und nach nur ein paar Stunden Schlaf, die das Schlafdefizit bei Weitem nicht aufholen konnten, sitze ich mit vier anderen – mir völlig unbekannten- Mädels und trinke mich im Auftrage des Hostels durch die verschiedenen Sorten Weins. Um am Ende der Verkostung ein paar Flaschen zurück ins Hostel zu bringen und für einen gelungenen Silvesterabend zu sorgen.

„Wein muss süß sein“

Auf dem Weg rede ich ein wenig mit der doch recht resoluten Australierin, die eine Vorliebe für teuren Champagner hat, aber sich leider als Fahrer angeboten hat. Hinter mir auf der Rückbank des kleinen Mietwagens quetschen sich drei sehr junge, deutsche Mädels, die der Meinung sind, Wein muss süß (!!!) sein. Als ich das höre, bin ich doch eher froh, dass mein Gesicht ihnen abgewandt war und sie die Reaktion nicht sehen konnten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir für einen klitzekleinen Moment alle Gesichtszüge entgleist sind. „Wein muss süß sein???“
Dunkel erinnere ich mich an meine ersten Weinerfahrungen und den „Genuss“ von Lambrusco oder auch während einer Skifahrt mit der Schule an Wein aus dem Tetra-Pack. Naja, wie heißt es so schön? „Aus Erfahrung wird man klug“. In meinem Fall, hieß die Erfahrung Kopfschmerz.

Egal, da es meine erste Weinverkostung in Neuseeland ist, freue ich mich einfach nur darauf, einige Weine aus der Marlborough Region zu probieren. Man muss dazu wissen, dass sich hier Weingut, an Weingut, an Weingut reiht und man eigentlich nicht so recht weiß, welches man denn nun probieren soll. Alle stellen sie einen Sauvignon Blanc her und fast alle auch einen Pinot Grigio. Fantastischerweise wurde mir diese Entscheidung abgenommen und wie sich herausstellen sollte, ist der Johanneshof ein winzigkleines Gut, das von einem Neuseeländer, der in Deutschland studiert hat und einer Deutschen betrieben wird. Aber nun zurück zur Verkostung.
Es beginnt, es wird zu den Weinen erzählt, man schnuppert, man nimmt ein Schlückchen, man spült ein bisschen und dann entscheidet man, ob man es mag oder nicht. Meine drei kleinen Mädels sind ruhig, sehr ruhig. Ich denke, sie wissen nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollen und vielleicht sind auch ein bisschen unsicher.
Wein Nummer zwei, es wird etwas munterer und hinter mir vernehme ich, dass der Wein ja gar nicht süß sei und wir den auf gar keinen Fall mit zurück ins Hostel nehmen. Schnell wieder woanders hinschauen und versuchen, sich jetzt bloß nicht zu verschlucken. Mir gefällt der Sauvignon Blanc nämlich ausgesprochen gut und ich kenne ein paar Menschen, die den eindeutig süß finden. Ich hingegen finde einfach nur, dass er eine wunderbare Kombination aus fruchtigen Noten ist. ABER wie bei Allem ist das ja immer eine Geschmackssache.
Nach zwei Schlückchen merke ich, dass sich mein Schlafmangel und der Alkohol überhaupt nicht miteinander vertragen. Die Beine werden wackelig, ich merke wie mir das Blut in die Wangen schießt und schon wieder fühle ich mich an meine ersten Erfahrungen mit Alkohol erinnert. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Körper einfach nix mehr gewöhnt ist und ich gehe lieber auf Nummer sicher und dazu über bei den anderen Proben nur noch ein wenig zu nippen. Irgendwann muss sich ja „Lebenserfahrung“ auch auszahlen.

Die drei jungen Damen nämlich, haben das offensichtlich noch nicht gelernt. Amüsisert beobachte ich, wie die Runde immer munterer und heiterer wird und wir kommen erst noch zu dem wirklich süßen Wein – der Gewürztraminer, der eher als Dessert-Wein getrunken wird. Mir selbst als Dessert-Wein zu süß, lese ich auf den Gesichtern der Ladys helle Begeisterung, eifriges Kopfnicken und die Entscheidung: „Davon nehmen wir was zurück mit ins Hostel“.
Spontan beschließe ich doch noch einen größeren Schluck zu nehmen und mir die Entscheidung der Mädels einfach egal werden zu lassen.
Zum Schluss kommt der Champagner, der nicht Champagner heißen darf, aber mindestens genauso gut sein soll. Da ich den Punkt des Genießen schon überschritten habe, finde ich es einfach nur trocken, sehr trocken und ich mag es einfach gar nicht. Ich möchte an dieser Stelle aber betonen, dass ich wirklich nicht in der Lage war, eine neutrale Einschätzung der Lage abzugeben und komme daher auf das Urteil, der Champagner liebenden Australierin zurück. Denn obwohl sie unser Fahrer ist, genehmigt sie sich ein Schlückchen zur Probe und kauft sogar zwei Flaschen für ihre Freunde, die am Abend ankommen sollen und ebenfalls Champagner Liebhaber sind.
Vor meinem inneren Auge läuft ein Film über junge, gelangweilte Australierinnen ab, die ihr Leben mit Champagner auf der Pferderennbahn beprosten und dabei lustige Hütchen aufhaben. Ein kleines Kichern kommt in meiner Kehle auf – manchmal kann ich mein Kopfkino einfach nicht ausschalten.
Die ganze Situation kommt mir so furchtbar lächerlich vor. Ich, die Champagner liebende Australierin, die nichts trinken darf und die drei beschwipsten „Süßen“, diese Kombination wäre wohl auf freiwilliger Basis so nie zu Stande gekommen.

„Einfach nur Schlaf“

Vielleicht kommt es mir auch nur so unerträglich lächerlich vor, weil mein Körper sich so sehr nach Bettruhe sehnt. Sechs Stunden Busfahrt bis nach Wellington, einige Stunden Aufenthalt in Wellington bis die Fähre abfährt und noch einmal 3 Stunden Fährfahrt mit anschließendem zum Hostel laufen und warten, dass unser Freund die Tür aufmacht, ist dann doch zuviel für mich.

Es ist Silvester und ich will schlafen!!!

Nach 1,5 Stunden und einer kleinen Tour durch den Keller mit Privatschätzen (Wein) ist das Prozedere beendet. Unsere Runde versammelt sich im Auto und mehr oder weniger schweigend geht es zurück nach Picton. Warum die Mädels schweigen, weiß ich nicht. Ich schweige, weil ich müde bin. Sehr müde. Schlaf, Schlaf, Schlaf! Mein ganzer Körper ruft, ach was schreit förmlich danach. Es ist mittlerweile 12 Uhr mittags und Silvester, doch ich lege mich tatsächlich schlafen.
Gegen Nachmittag wache ich auf und wir entscheiden, einfach nur etwas zu kochen, ein wenig was zu trinken und anschließend zum Hafen zu wandern und das Feuerwerk zu bestaunen. Picton soll eines der besten Feuerwerke haben, die Neuseeland zu bieten hat.
Im Supermarkt das gleiche Chaos wie in Deutschland. Hilfe, Feiertag, wir müssen einkaufen. JETZT!
Relativ schnell habe ich meine Habseligkeiten zusammen und natürlich muss ich mich ausweisen. Mittlerweile habe ich nämlich rausgefunden, dass Supermärkte selbst bestimmen können, bis zu welcher Altergrenze man sich ausweisen muss, um zu zeigen, dass man berechtigt ist, Alkohol zu kaufen. Da hängen überall im Supermarkt so kleine Tafeln auf denen steht, dass man doch bitte entschuldigen soll, nach dem Ausweis gefragt zu werden, wenn man jünger als 2… aussieht. Die zweite Zahl ist austauschbar und kann 25 oder 28 oder was auch immer sein. Am 31.12. bitten sie um Verständnis, wenn man jünger als 28 Jahre aussieht. Ich freue mich schon während des Gangs zur Kasse. Endlich! Endlich kann ich meinen neuseeländischen Führerschein vorzeigen, den ich zu diesem Punkt erst seit zwei Wochen hatte. Ich werde ihn an dieser Stelle hier nicht zeigen, denn auf dem Foto sehe ich echt aus wie ein Verbrecher. Wenn man den neuseeländischen Führerschein beantragt, muss man 1. seinen Deutschen abgeben (wird zur Botschaft geschickt oder so!?) und 2. machen die das Foto vor Ort, welches man nicht sieht. Das ist so n bisschen wie Glücksspiel. Das Ergebnis haste dann erst zwei, drei Wochen später im Briefkasten und ändern kannste nüscht mehr. Allerdings hätte mich der Kommentar der Behördendame aufmerksam machen sollen, als sie mir ein „lovely“ (gemeint wie reizend) über ihren Brillenrand zuwarf. Ich meine, das tropft doch eigentlich nur so von Sarkasmus. Wie dem auch sei, ich konnte endlich meinen Identität und mein Alter mit einem offiziellen, neuseeländischen Dokument bezeugen, was mich doch schon stolz gemacht hat. Ich hoffe nur, dass ich mit dem neuseeländischen Führerschein auch noch in Deutschland fahren darf.

Wo war ich stehen geblieben? Achja, Silvester.

Bekocht wurde ich dann. Irgendwas sehr Leckeres mit Lachs und Gin Tonic dazu. Und Gin Tonic als Vorspeise und Gin Tonic als Nachspeise. Das Kochen dauert lange, sehr lange. So lange, dass wir anderen Hostelgästen beim betrunken werden zuschauen konnten. So lange um die ganze Show zu sehen, die zwischen jungen Teenies im Holiday-Modus zweierlei Geschlechts abspielt. Wieder einmal habe ich die Daseinsberechtigung des Wortes Fremdschämen erkannt. Mir wird es zuviel, draußen regnet es. Regen??? Hallo, ich dachte es ist Sommer und wieso regnet es denn jetzt an Silvester? Ach was, ich bin müde, also ab ins Bett.
Um Punkt 23.54 Uhr in der Silvesternacht liege ich im Bett, denke daran, wie Silvester in Deutschland wäre und bereue es ein wenig, nicht zum Hafen und zum Feuerwerk gegangen zu sein. Es wird 12 Uhr und das Feuerwerk beginnt. Eine Minute, zwei Minuten -wohlgemerkt, es nieselt immer noch- sieben Minuten, zehn Minuten, Ende! Was? Zehn Minuten Feuerwerk und das ist eines der besten, die Neuseeland zu bieten hat? Hmm, in dieser Minute merke ich, dass die Entscheidung im Bett zu liegen, doch mehr als gut war. Ausruhen, schlafen, Energie tanken für die nächsten zwei Wochen.

„Zwei Wochen Urlaub mit den Eltern“

Denn in zwei Tagen kommen auch schon meine Eltern und ich verbringe Urlaub mit ihnen. Über ein Jahr habe ich sie nicht mehr gesehen. Über ein Jahr gab es nur Skype-Telefonate und WhatsApp Nachrichten. Und dann gibt´s aufeinmal einen ganzen Urlaub mit ihnen. Zum ersten Mal seit 15 Jahren nur meine Eltern und ich. Ich denke, dass kann nur interessant werden und lasse das alte Jahr mit den Gedanken an Familie und Freunde ausklingen und schlafe ein.

Weihnachten in Neuseeland – Oder wieso der Weihnachtsmann ein Maori ist

MerryChristmas

Entweder bin ich einfach nur unglaublich mit Glück gesegnet oder es gibt doch noch Menschen auf dieser Welt, die sich darauf besinnen, was Nächstenliebe bzw. wie kostbar und wertvoll Vertrauen ist somit eines der schönsten Geschenke der Welt.

Pünktlich vor Weihnachten begeben wir uns auf die Reise, um die bevorstehenden Feierlichkeiten mit der Familie zu begehen und ahnen noch nicht, auf wieviel Freundlichkeit wir stoßen werden. Da unser Van Charlie ja im März jeglichen Lebenswillen verloren hat und wir seitdem ohne Auto sind, haben wir uns in das Abenteuer hitchhiken begeben. Ich persönlich finde es ja nach wie vor mehr als faszinierend, dass man hier so schnell nur mit dem rausgestreckten Daumen von A nach B kommt und die Leute gewillt sind, wildfremde Menschen mitzunehmen. So abenteuerlich das Ganze auch sein kann, so muss man sich (gerade als Frau) der Risiken bewusst sein. Ich für mich habe entschieden, dieses Abenteuer nur in Begleitung zu wagen, auch wenn Leute wohl mal eher eine als zwei Personen in ihrem Auto mitnehmen. Sei es drum, wir haben Zeit und für den Weg zur Fähre zwei Tage inklusive Übernachtung in Picton im mittlerweile heiß geliebten Hostel Jugglers Rest  eingeplant.

„Ich muss mal eben noch eine Kleinigkeit abholen…“

Schon der erste Teil der Reise läuft besser als erwartet. Unsere Nachbarin fährt am selben Tag in die Stadt und nimmt uns mit. Während wir unterwegs mit ihr sind, beschließt sie noch „eine Kleinigkeit“ abzuholen und wir könnten ihr dabei helfen: Ganz kurz denke ich: „Aber wir haben doch keine Zeit, wir müssen doch noch weiter“. Im nächsten Moment ist das aber schon wieder vergessen, denn schließlich hilft sie uns und wir ihr. So wäscht eine Hand die andere und alle sind glücklich. Das Zeitproblem wird schon irgendwie werden. Die besagte Kleinigkeit stellt sich als zwei Haufen Backsteine raus, die sie ersteigert hat und für ihr Grundstück braucht. Das nenne ich mal Understatement – die Kiwis sind ganz große Klasse darin. Und auch wenn sie eigentlich Deutsche ist, so hat sie die Untertreibung schon ziemlich verinnerlicht. Sei es drum. Wir packen mit an und laden die Steine ins Auto und verfrachten uns später zwischen zwei Hunde (einer so groß wie ein Schaf), unsere Rucksäcke und die Spielsachen ihrer Tochter. Mittlerweile ist es schon zwei Stunden nach unserer kalkulierten Zeit und ich bin ein wenig besorgt, ob wir es an diesem Tag so weit schaffen wir vorgenommen. Während ich noch in schöner deutscher „immer über alles Besorgheit“ vor mich grübele, bietet sie auf einmal an, uns in die nächste Stadt zu fahren – als Ausgleich, weil wir ihr geholfen haben. Wir haben sogar noch Zeit für einen Kaffee und stellen uns frisch gestärkt an den Straßenrand, um weiter nach Picton zu kommen.

„Es fahren einige Autos vorbei…, die uns leider nicht mitnehmen können“

Daumen raus, lächeln, Schild halten, winken. Es fahren einige Autos vorbei, die uns jedoch zuwinken und verstehen geben, dass sie uns leider nicht mitnehmen können. So vergehen Minuten und es ist durchaus unterhaltsam. Bis es anfängt zu regnen. Den grauen Himmel habe ich schon seit geraumer Zeit im Auge gehabt, aber es hilft alles nichts, da müssen wir jetzt eben durch. Also Regenjacke an, Regencover über den Rucksack gezogen, Daumen wieder rausstrecken.
Und wer sagt es denn, da kommt ein Auto, es blinkt, es fährt links ran…

… und es fährt auf der Parkplatz – Vorfreude kann so schön sein.

Das geschieht noch einige Male und mittlerweile stört mich weder das, noch der Regen. Ich freue mich einfach so sehr auf ein richtiges Kiwi-Weihnachten, dass ich lache und vor mich hinstrahle. Anscheinend hat das die richtige Wirkung.

„Wo die Reise hingeht“

So hält ein älterer Maori-Mann an und bietet an, uns ein paar Kilometer mitzunehmen, was definitiv schon mal hilft. Wir steigen ein und genau in diesem Moment fängt der Regen an loszuprasseln. Es schüttet wie aus Eimern und spätestens jetzt bin ich sehr, sehr froh, dass wir im schützenden Auto sitzen.
Tokowha fragt, wohin die Reise geht und es stellt sich heraus, dass er in dem Ort geboren wurde, wo unsere Reise hinführt und in ein paar Tagen auch dort hinfährt. Dann erzählt er uns von seinem Problem. Er hat dort für einen Freund ein Auto gekauft und weiß nun nicht, wie er zwei Autos dorthin bringen soll. Noch während er sich durch den Regen kämpft, wird er langsamer, schaut nach links, schaut über seine Schulten nach hinten zu mir und fragt plötzlich, ob wir nicht das Auto überführen wollen.

„Mit einem Mal haben wir ein Auto“

Zuerst denke ich, ich habe es nicht richtig verstanden, doch dann sehe ich den erwartungsvollen Blick und realisiere, dass er uns tatsächlich angeboten hat, ein Auto von ihm dorthin zu fahren, wo wir hinmüssen.

„WAAAAASSS??? Der kennt uns doch gar nicht.“, schießt es mir durch den Kopf. Ich meine, wer würde denn in Deutschland jemand Fremden ein Auto anvertrauen? Völlig verwundert und erstaunt frage ich, ob ich darüber ein wenig nachdenken könnte. Er schmunzelt nur und sagt, dass das überhaupt kein Problem sei und ich soll mir nicht den Kopf zerbrechen, er würde auch das Fährticket für das Auto bezahlen. Wir müssten nur den Sprit übernehmen. Kurzentschlossen handle ich ganz nach dem Motto „No worries“ und sage zu.

„Das schöneste Haus der Welt“

Also fahren wir zu seinem Grundstück und darauf steht ein wunderschönes, altes und mit viel Liebe restauriertes, viktorianisches Holzhaus. Ich habe mich erneut verliebt. Dieses Haus ist so simpel und doch so elegant. Eine Veranda umringt das ganze Haus mit feinen, weißen Verzierungen am Dach. Der Rest ist naturbelassen holzfarben und gibt einen wunderschönen Kontrast zu der feingliedrigen Arbeit. Innendrin erwartet uns ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit offener Wohnküche, einem Kamin und einem Erker mit eingebauter Sitzbank. Wie wir erfahren, war das ursprünglich der Platz des Kamins. Am Sims der Erkerbank ist eine faszinierende Bildhauerei mit Maori-Motiven eingearbeitet, was eine wundervolle Idee ist, die ursprünglichen Bewohner Neuseelands mit der westlichen Kultur zu vereinen. Auch der Rest des Hauses ist ein gelungener Mix aus modernen Elementen und feiner Architektur und rustikaler Gemütlichkeit eines Holzhauses. Hätte ich das Geld, ich hätte das Haus umgehend gekauft – sofort. So aber war ich einfach dankbar, ein Haus wie dieses sehen zu können.
Tokowha zeigt uns auch den Rest des Grundstücks sowie das zu überführende Auto. Währenddessen unterhalten wir uns weiter und es kommt mir gar nicht vor, als würden wir zwei völlig Fremde sein. Vielleicht kommt es mir so vor, weil er den neuseeländischen Winter in Deutschland (ja richtig gelesen, IN DEUTSCHLAND) verbringt und viele deutsche Freunde hat. Er erzählt, dass er Touren anbietet, bei den Touristen auf der einen Seite Neuseeland kennenlernen, aber das der größte Teil darin besteht, Neuseeland wirklich kennenzulernen und Einblicke in die Traditionen der Maori gewährt. Soviel habe ich in den letzten Jahren über Maori gelesen, aber nichts wirklich gelernt. Und obwohl ich nun schon seit über einem Jahr in Neuseeland bin, habe ich noch keinen Maori richtig kennengelernt. Also nichts, was über Small-Talk hinaus geht.

„Vertrauen ist ein Geschenk“

Er ist eine Seele von Mensch – lustig und warmherzig und offen. Ich hoffe wirklich, dass wir ihn noch einmal wiedertreffen, denn ich glaube, dass er jemand ist, von dem wir ganz viel lernen können. Ich sag nur: Vertrauen.
Am Ende unseres Gesprächs, ist alles organisiert. Fähre gebucht, Auto vollgetankt, wir haben den Schlüssel in der Hand und ab geht es Richtung Norden.
In Picton angekommen und in unserem Lieblingshostel eingecheckt, suche ich mir erst einmal eine ruhige Ecke (das Murmeltier-Bett) zum Verarbeiten aller Eindrücke. Ich kann es nicht fassen, dass innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Menschen auf ihre Art und Weise gezeigt haben, wie wichtig Vertrauen ist.

Vertrauen in das Gute im Menschen. Vertrauen darauf, dass alles einen Sinn hat. Vertrauen, dass alles gut wird. Vertrauen in andere.
Und vor allem: Vertrauen in sich selbst.
Diese Erkenntnis ist eines der schönsten Weihnachtsgeschenke in meinem ganzen Leben.

Danke Santa Tokowha!

DearSanta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weil es sich gut anfühlt

happypig

Es hat mich zu Tränen gerührt. Ich konnte einfach nicht aufhören zu schluchzen, so überwältigend war euer Feedback auf meinen letzten Beitrag. Vielen, vielen, lieben Dank für all die unglaublich positiven und Mut machenden Reatkionen. Ich war fassunglos und habe mit offenem Mund auf die Reaktionen hier, per facebook und auch per Mail gestarrt. Dabei war ich mir zuerst unsicher, ob ich das überhaupt veröffentlichen soll.
Doch dann wiederum habe ich mir gesagt: „Hey Claudi, du bist in diesem Blog immer ehrlich gewesen, hast nicht nur geschrieben, wenn es dir richtig gut ging, sondern auch wenn es mal nicht so toll war. Du hast geschrieben, wenn du Lust hattest und wenn es sich nicht richtig angefühlt hat, dann hast es eben bleiben lassen. Und genau so soll es auch bleiben.

Wenn es sich richtig anfühlt – das ist genau das, was ich hier seit beinah 10 Monaten lebe. Eben weil es sich richtig anfühlt. Was soll ich sagen, trotz Zweifelns an mir selbst und dem Vermissen meiner Lieben, so geht es mir hier so gut wie…

„Ich war ja in Deutschland nie unglücklich…“

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wann es mir jemals so lange am Stück so gut ging. Ich meine, ich war ja in Deutschland nie unglücklich und gerade die letzten zwei Jahre in Hamburg habe ich mehr als geliebt. Aber trotzdem, hier ruhe ich mehr in mir selbst und besinne mich immer und immer wieder darauf, was mir wichtig ist und was mich glücklich macht.

happyclaudi
Jedes Mal macht mein Herz viele kleine Sprünge, wenn ich das Meer erblicke. An keinem Punkt Neuseelands ist die See mehr als etwas über 100km entfernt. Und die Berge sind mittendrin, also auch jederzeit erreichbar. Es macht mich einfach glücklich saubere Luft zu atmen und keine oder nur wenige Autos zu hören. Ich sage gar nicht, dass das in Deutschland nicht möglich ist. Doch wer mich gut kennt (oder länger), der weiß, dass ich seit Ewigkeiten davon rede, mein perfekter Ort zum Wohnen vereint die gute Erreichbarkeit von Meer und Bergen. Ich will mich nicht entscheiden müssen, was ich lieber mag. Ich liebe die Berge und den Ozean. Ich kann weder ohne das Rauschen der Wellen leben, noch ohne die unglaubliche Stille in den Bergen.

Ich habe mich an meine Schulzeit erinnert.

Ich war ungefähr 15 oder 16 Jahre alt als eine damalige Schulfreundin ein Austauschjahr in Neuseeland gemacht hat und mir erzählte, dass die Berge dort ganz nah an den Stränden sind. Schon immer mochte ich das Meer und habe die Sommerferien mit meiner Familie an der Ostsee verbracht. Genauso aber liebte ich die Berge, stand ich doch mit 8 Jahren das erste Mal auf Skiern und mit 15 dann auf meinem heiß geliebten Snowboard.
Dieser Punkt, dass mir jemand sagt, es gibt ein Land an dem meine beiden Leidenschaften nicht weit voneinander entfernt sind – ich glaube, das war der Punkt, an dem meine Liebe zu Neuseeland entstanden ist.

„Heute weiß ich, es hatte alles seinen Grund“

Damals und auch nach dem Abi war ich leider noch nicht so weit, den Schritt, alleine ins Ausland zu gehen, zu wagen. Es gab in all den Jahren insgesamt 3 Versuche ans andere Ende der Welt zu reisen, die aus verschiedensten Gründen immer und immer wieder gescheitert sind.
Heute weiß ich, es hatte alles seinen Grund. Ich habe nun die Möglichkeit, viel bewusster zu entscheiden, ob ich mein Leben hier weiter gestalten möchte oder zurück nach Deutschland gehe.
Ich bin froh darüber, dass ich hier momentan ein Leben der Locals lebe. Dass ich die positiven wie auch negativen Seiten Neuseelands richtig kennenlerne. Ja, es gibt auch einige nicht so schöne Dinge, die hier geschehen, die hauptsächlich politischer Natur sind, aber dazu ein andern Mal mehr. Ich durchlebe alle Jahreszeiten und lebe an mehreren Orten. Ich lerne Neuseeland richtig kennen und kann vielleicht irgendwann entscheiden, ob ich hier bleiben möchte. Momentan kann ich das aber noch nicht entscheiden. Was ich allerdings entschieden habe, ist, dass ich länger als das Jahr bleiben werde. Und ihr alle habt mir Mut gemacht, dieses Projekt weiterzuleben, meinen Weg zu gehen, meinen Traum zu leben.

Aktuell arbeite ich mich durch alle möglichen Visa-Optionen durch, was eine Menge Zeit und Energie kostet. Behören-Englisch ist fast so gut wie Behörden-Deutsch und die Immigrationbehörde in Neuseeland hat gefühlte 236 Unterseite zum Thema Leben & Arbeiten in NZ.
Und doch bin ich voller Zuversicht, dass sich alles finden wird. Bisher hat das Universum immer alles richtig gemacht. Eben weil es sich gut anfühlt.

Delfine – und es gibt sie doch

DelfineGanz im Ernst, ich habe wirklich an ihrer der Existenz gezweifelt, sie für Fabelwesen gehalten oder gar für eine Erfindung der Tourismusindustrie, damit Menschen wie Cameron in der Bay of Plenty (für mich Bay of Empty) ihr Geld mit Sehsuchtsträumenden Menschen verdienen. Aber nein, nach Monaten mehr oder weniger verzweifelter Suche sind sie mir nun tatsächlich begeben und dann auch gleich vier Mal an einem Tag.

Es ist ein trüber bis regnerischer, aber wunderschön wolkenverhangener Tag. Ich sitze in den Marlborough Sounds, lausche dem gleichmäßigen Tropfen des Regens und schaue aus dem Fenster. Es ist eine große, sich über den gesamten Bereich der Wohnküche hinziehende Fensterfront, die eine fantastische Aussicht auf die Sounds freigibt. Leise knistert das Feuer im Kamin vor sich hin und ich versuche mich von meinem Angelausflug mitten im neuseeländischen Winter zu erwärmen. Die See liegt glasklar wie ein Spiegel vor mir. Im zyan-blauen und tief-flaschengrünen Wasser spiegeln sich die mit Pinienbäumen bewachsenen Berghänge, der kontrasarme hellgraue Himmel und einzelne weiße Wolken wider.

Marlborough Sounds„Wie magisch schön es hier doch ist.“, denke ich und im nächsten Moment wird die natürliche Perfektion durch etwas unterbrochen. Eine, zwei, nein drei, vier, zwölf Rückenflossen zerschneiden die bis dahin stille Wasseroberfläche. Ganz aufgeregt, noch im Prozess des Begreifens, dass dies der langersehnte Moment ist, stottere ich: „Dolphins!!!“, schnappe meine Kamera und laufe die 40 Meter zum Ufer. Ich renne! Ich renne so schnell wie noch nie in meinem Leben und merke nicht einmal, dass ich nur Flip Flops und hellrosa Socken trage.
Am Pier angekommen sind die Delfine für einige Sekunden ganz nah. Ihre glänzenden, grauen Rücken gleiten immer abwechselnd durch das im Uferbereich türkise Wasser. Sie schweben an mir vorbei und ich vergesse zu atmen und Fotos zu machen. Einen Moment lang stehe ich noch am Ende des Piers und schaue den Delfinen hinterher, obwohl ich sie längst nicht mehr sehen kann. Nur die Spur ihres Weges ist noch zu erahnen.

Es beginnt stärker zu regnen. Kleine bis mittelgroßen Tropfen machen mir bewusst, dass ich nach wie vor auf Socken unterwegs bin. Die Flip Flops habe ich auf dem Weg vom Haus zum Pier von mir geschmissen, damit ich schneller laufen kann und die ehemals rosa Socken haben nun einen eher bräunlichen Ton angenommen und sind tropfnass. Zurück im Haus wechsele ich die nassen Sachen, bereite alles für den Fall vor, dass die Delfine zurück kommen und halte an der Fensterfront Ausschau nach ihnen. Ausblick
Und tatsächlich: Nur eine Stunde später sind sie auf ihrem Weg zurück und schwimmen erneut unglaublich nah an mir vorbei. Selbst unter der Wasseroberfläche kann ich ihre Schönheit, die Anmut ihrer Bewegungen, ihre Grazilität erkennen. Ich genieße den Augenblick, lausche den Geräuschen der im Wasser vorbeiziehenden Delfine und genieße die Nähe. Dann erst nehme ich die Kamera, fokussiere diese wunderschönen Kreaturen und drücke auf den Auslöser.
Dieses Schauspiel wiederholt sich in den folgenden zwei Stunden noch zwei weitere Male. Jedes Mal ist es etwas Besonderes und mir wird bewusst, dass sich das Warten gelohnt hat. Denn für einen Moment lang stand die Welt still und es gab nur die Delfine, den Ozean und mich.

Begegnungen

CSC_5458Seit vier Monaten befinde ich mich nun auf Reisen durch das Land, in dem ich immer sein wollte. Während dieser Zeit habe ich einige interessante Menschen getroffen. Einige davon zufällig, andere hingegen mehr oder weniger verabredet. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich viel länger unterwegs und gerade halte ich inne. Ich lausche dem Knistern des Feuers, neben mir wird auf einer Trommel gespielt. Ab und zu fliegt ein Kaka vorbei und gibt krächzende Laute von sich, in der Ferne höre ich Eulen. Meine Gedanken kreisen. Sie kreisen um die vergangenen Monate und die Zeit, die vor mir liegt. Vor allem aber kreisen sie um die Menschen, die mein Leben zu Hause und hier am anderen Ende der Welt bereichern. Nie hätte ich gedacht, dass meine Reise den Verlauf nehmen würde, den sie angenommen hat, aber tief in mir hatte ich immer das Gefühl, dass sie mein Leben nicht nur bereichern, sondern auch verändern wird. Es tut gut einen Moment lang still zu halten und die vergangene Zeit Revue passieren zu lassen und sich an die Erlebnisse und Begegnungen zu erinnern. Es gibt da Isa aus Hamburg, die ich letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt habe und die zur selben Zeit mit dem Ziel Neuseeland zu einer Reise aufgebrochen ist. Wir haben uns in Auckland getroffen und ein, zwei Abende zusammen mit Ela und Stefan verbracht. Bis heute halten wir Kontakt und sie steht mir mittlerweile näher, als ältere Freunde oder Bekannte. Es ist ein bisschen schade, dass wir keine Zeit auf der Südinsel miteinander verbringen konnten, aber vielleicht werden sich unsere Wege eines anderen Tages hier erneut kreuzen Eigentlich bin ich mir da ziemlich sicher. Auch denke ich an die Frau im Flugzeug auf dem Hinflug neben mir, welche weit über 60 Jahre alt ist und sich auf dem Weg nach Laos befand. Sie hat mit dem Reisen angefangen, nachdem ihr Mann gestorben war und entdeckt seitdem die Welt. Sie reist durch Länder, die im Bewusstsein vieler anderer Menschen nicht einmal vorhanden sind. Im nächsten Augenblick fällt mir der asiatische Business-Mann ein, auf dem Weg von Melbourne nach Auckland, der unbedingt mehr über mich und das Ziel meiner Reise erfahren wollte. Ich war nach mehr als 40 Stunden fliegen leider zu müde, um Konversation zu betreiben. Trotzdem hätte es mich interessiert, wie sein Leben wohl so aussieht. Dann wieder denke ich an die gefühlten 1000 deutschen Touristen, die ich hier getroffen habe und das Gefühl, irgendwie gar nicht richtig hier zu sein, weil ich überall nur deutsch hören konnte. Claudi 2 und Jan, mit denen wir das Erlebnis der Delfin-Tour in der Bay of Plenty (für uns seitdem Bay of Empty) teilten und zufällig in Wellington wieder getroffen haben. Mit Claudi 2 haben wir sogar Weihnachten und zwei Tage in Christchurch verbracht. Und dann wäre da noch meine zweite Hamburg-Reunion. Mitten auf dem Berg im Nirgendwo treffe ich auf Mirko und wir haben das Glück an der Alpaka-Schur beim Texaner mitzuhelfen. Ich hoffe, aber eigentlich bin mir auch hier ziemlich sicher, auch ihn werde ich eines Tages wiedertreffen. Ach und Tetyana. Diese Begegnung war so wundervoll zufällig geplant. Als Fotografin kennt sie Ela und ist dadurch auf meinen Blog gestoßen, hat ihn gelesen und auch wir haben uns hier in Neuseeland getroffen. Zusammen mit ihrem Freund haben wir gemeinsam zu Abend gegessen (seit langem mal wieder Fleisch und das war auch noch richtig gut zubereitet – Danke Matthias). Zum Abschied hat sie mir noch ein paar Thermosocken geschenkt, die mir hier nun, wo der Herbst langsam beginnt, Nacht für Nacht das Leben retten. Mir fällt Viktor ein. Der dänische Junge, der glaube ich, so ziemlich aller erwandert, was hier nur geht und der im Hostel in Picton jeden Abend Brot gebacken hat. Brot mit Karotten drin, das ist so ein Dinge, was die Neuseeländer nicht ganz kapieren. Ich wurde schon gefragt, was es damit auf sich hat, dass Deutsche und anscheinend auch die Dänen Karotten in ihr Brot mischen. Weiß da jemand die Antwort? Zum Thema Essen gibt’s in der nächsten Zeit sowieso noch mal einen gesonderten Eintrag.

Und dann sind da die ganzen Hippies, die ich hier immer wieder treffe. Einige von denen sind Freizeit-Hippies auf Reisen. Andere von ihnen „LEBEN“ einen wirklich nachhaltigen Lebensstil, mit zwar manchmal etwas besonderen Lebensumständen, aber ich habe nie zuvor aufgeschlossenere und tolerantere Menschen getroffen. Und dann sind da auch die weniger schönen Erfahrungen. Wenn man sich mit den Locals unterhält und mitbekommt, dass Deutsche hier manchmal gar nicht so sehr willkommen sind. Wenn man nachfragt, merkt man jedoch, dass sie nichts im Speziellen gegen Deutsche haben, aber dass Neuseeland von deutschen Touristen seit einiger Zeit überflutet wird. Speziell von ganz Jungen, die alles mit Deutschland vergleichen, nur deutsch sprechen und ständig Party machen und betrunken sind. Das ist die Schublade, die für junge Deutsche hier existiert. All diese Begegnungen, egal ob positiv oder negativ, zeigen mir letzten Endes nur Eines: Die Menschen und das Leben sind so vielfältig, so bunt, so überhaupt nicht für Schubladen geeignet. Es lehrt mich, mit offenen Augen und immer mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen. Es lehrt mich, zuzuhören, nicht zu schnell zu urteilen, in mich zu gehen und nachzudenken. Es lehrt mich jeden Tag zu genießen und sich darauf zu freuen, Neues erfahren zu können.

Von wegen Bergromantik

CSC_5325Das gibt’s alles nur im Film und in Büchern. Der beschwerliche Aufstieg und ein anschließendes alle Anstrengungen überdeckendes Glücksgefühl, ein unbeschreibliches Panorama. Das ist es, was man sich so vorstellt, wenn man einen Berg besteigt. Ich sage, so ist es ganz gar nicht. Erstmal erzählt einem vorher niemand, wie es sich anfühlt mit 15 kg Rucksack auf dem Rücken zu wandern und wenn es einem doch erzählt wird, dann hat man nur eine sehr vage Vorstellung davon. Alle reden nur davon, wie großartig der Moment ist, in dem man auf dem Gipfel steht und einem quasi die Welt zu Füßen liegt. Keiner spricht von kleinen Unebenheiten in Socken, die langsam aber stetig für Blasen an den Füßen sorgen. Alle reden nur davon, wie unfassbar klar die Bergluft ist.  Niemand gibt auch nur einen Anhaltspunkt darüber, dass einem die Hüftknochen vom Rucksack schmerzen können. Und erst recht erzählt einem niemand vorher, welche Stadien der Emotionen man während einer Tageswanderung durchmacht.

Bei mir war alles dabei, aber ich hatte ja auch 12,5 km und sieben Stunden Zeit. Nach der ersten Stunde, 300 Höhenmetern und einem Kilometer stehe ich kurz vorm Aufgeben. Ich schwitze und ringe mit mir selbst – an wirklich jedem einzelnen Knick des Weges mache ich Halt um Luft zu holen. Schnappatmung nennt man das, glaube ich. Ständig überholen mich fremde Menschen. Menschen OHNE Rucksack. Stumm bitte ich sie um Hilfe, schaue ihnen mit großen Augen und gequälten Gesichtsausdruck hinterher. Und wenn sie nicht innerhalb einer Sekunde reagieren, schreie ich sie an, dass sie gefälligst meinen Rucksack tragen sollen. Mental natürlich. In Gedanken murmle ich mein Mantra – immer schön bergauf, nur nicht denken und schon gar nicht zurückschauen, was hinter einem liegt. Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist das Ziel. Verdammt, warum lächeln alle anderen Menschen, denen ich begegne? Wo bleibt diese sagenumwobene Gefühl, welches mich genauso grenzdebil grinsend durch die Gegend rennen lässt? Zum Glück kann ich nicht sehen, was noch vor mir liegt, denn in diesem Fall würde ich wahrscheinlich umdrehen. Irgendwie muss ich doch ziemlich bescheuert sein. Einen Track zu laufen, der für erfahrene Tramper ausgeschrieben ist, nur um eine Woche in der Hütte Lake Angelus zu verbringen. Früher habe ich Wandern gehasst. Mit Grauen denke ich an den einzigen Familien-Sommerurlaub in den Bergen im Schwarzwald zurück. Gegen die Berge hier ist der Schwarzwald eine sanfte Hügellandschaft. Netterweise werde ich noch zum Carpark auf etwa 880 Metern gebracht. Unaufgewärmt geht es direkt los, über einen Kilometer steil bergauf, kleiner Schlenker links, kleiner Schlenker rechts und wieder bergauf. Dafür, dass unter mir der See Rotuiti in der Sonne glitzert und ich allerbestes Wetter mit strahlend blauem Himmel habe, habe ich keinen Blick. Ich schwitze nur noch und versuche nicht daran zu denken, dass noch gute 11 km vor mir liegen. Noch könnte ich umdrehen, aber das bringt mich auch nicht weiter. Auf der ersten Ebene angekommen, sacke ich zuerst in einem Shelter zusammen, lüfte meine Socken und bestaune eine formschöne Blase an meiner linken Ferse. Erst dann nehme ich ein wenig dieses vielbeschriebene Panoramas wahr, allerdings sehe ich zeitgleich das Schild, welches mir weitere neun Kilometer weist. Vor mir liegen ein paar 100 Meter flache Strecke, welche ich so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte. Das nächste steile Stück und was ich dahinter erblicke, lässt erahnen, wieso die Berge eigentlich eine menschenfeindliche Umgebung sind. Graubraunes Gestein, der Pfad ist kein Pfad mehr – Mordor ist einfach überall. Ich laufe über Geröllwüsten, sehe nur ab und zu einen Pfahl mit einem kleinen orangen Dreieck. Ich muss also noch richtig sein. Orientierung besitze ich nicht mehr. Das sieht alles so gleich aus.  Aber irgendwie macht das Laufen auf dem Bergrücken Spaß.

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Ich muss mich konzentrieren um mit 15 kg zusätzlich auf dem Rücken nicht die Balance zu verlieren. Einige Steine sind lose und ich gerate ins Schlingern, befinde mich jedoch im nächsten Moment sofort wieder im Gleichgewicht. Ein paar Minuten lang summe ich sogar vor mich hin „These feet are make for walking“. Und obwohl es gar nicht regnet, geht es munter weiter mit „Raindrops are fallin´on my head“. Als ich mich dabei ertappe, frage ich mich ernsthaft ob das die Höhenluft ist, die mich dezent wahnsinnig erscheinen lässt und ich nun auch debil grinsend durch die Bergwelt spaziere. So gut wie meine Laune in diesem Moment auch ist, so schlecht wird sie im nächsten. Ich kann außer Steinen nichts mehr sehen. Der Pfad schlängelt sich dermaßen sich durch Felsen hindurch, ich muss mich mit beiden Händen an den Steinen festhalten und klettern. Um dem ganzen die passende Dramaturgie zu geben, verdunkelt sich in diesem Moment der Himmel und eine dichte Wolkendecke schiebt sich vor die Sonne, der Wind nimmt zu und zerrt am Rucksack. Es sind nur 50 Meter, die vor mir liegen und als ich diese mit Händen und Füßen irgendwie geschafft habe und auf dem höchsten Punkt des Weges angekommen bin, ist auf einmal alles zuviel. Ich schmeiße den Rucksack vom Rücken, suche mir einen bequemen Stein und heule erst einmal los. So richtig laut und hemmungslos, hört ja niemand, stört ja niemand, sieht ja niemand. Meine Begleitung ist eh soweit von mir entfernt, dass ich sie nicht mehr sehen kann – denke ich. Also sitze ich da auf 1.788 Metern Höhe, blicke hinunter ins Tal und weine. In einer kurzen Tränenpause dringt dann schließlich doch die Schönheit der vor- und unter mir liegenden Bergwelt in mein Bewusstsein. Ich erblicke einen smaragdgrünen See, die Sonne schiebt sich zwischen die Wolken und verzaubert die eben noch karge und unmenschliche Landschaft in eine wunderschöne Märchenwelt der Elfen. Ich muss an die Krombacherwerbung denken, die einen See inmitten beeindruckender Bergwelt zeigt. Dieser Gedanke bringt mich unter Schluchzen zum Grinsen und mir wird bewusst, dass ich einfach weitergehen muss. Hilft ja alles nichts. Zaghaft unternehme ich den Versuch nach meiner Begleitung zu rufen und erhalte tatsächlich Rückmeldung. Ich bin ja gar nicht alleine, wie ich gedacht habe. Hmm, war mein kleiner Anfall also umsonst. Stillschweigend und mittlerweile unter schmerzenden Füßen lege ich die letzten 1,5 km zurück. In der Hütte angekommen resümiere ich: „Meine Füße sind angeschwollen, die Blase an der Ferse ist aufgeplatzt, die Hüftknochen und Schultern schmerzen nach 7 Stunden Rucksack tragen, ich friere, es gibt keine Duschen und obwohl ich etwas essen sollte, hungrig bin ich nicht.“ Mit einer Wärmflasche, einem heißen Kakao und dem Schlafsack verschwinde ich umgehend ins Bett. Ich bin müde, erschöpft, mir tut alles weh und doch bin ich stolz auf mich. Ich bin an meine Grenzen gegangen, wenn auch nicht seelig lächelnd. Der letzte Gedanke, bevor ich ins Land der Träume abgleite, gilt dem Rätsel der ewig grinsenden Wanderer. Wie machen die das eigentlich?

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Reiseleben – Picton und das Ela-Syndrom

20140312-080308.jpgDie Reise geht weiter und ich mache mich auf den Weg nach Picton. Der Ort an dem Einheimische und Reisende aufeinander treffen und alle dasselbe Ziel haben. Entweder kommen sie gerade an und wollen die Südinsel entdecken oder aber sie machen sich auf den Weg nach Norden. Picton ist so winzig klein, dass man innerhalb von fünf Minuten die gesamte Stadt mit dem Auto durchquert hat und doch hat es wahrscheinlich mehr Unterkünfte für Touristen als Menschen, die dort wohnen. Während der Reise mit Ela und Stefan hatten wir keine Zeit uns näher mit der Umgebung in den Malborough Sounds zu beschäftigen. Ein kurzer Stopp am Schild von „Cloudy Bay“ und dann direkt weiter nach Rabbit Island, an den Strand, in den Wellen spielen und die Sonne genießen. Wir hatten keinen Plan und das war gut so. Nur so konnten wir frei von einem Tag zum anderen entscheiden, was wir als nächstes machen wollen. Wir haben uns treiben lassen. Manchmal vermisse ich die beiden sehr. Vor allem Ela fehlt mir an einigen Tagen besonders. Es ist so schön mit einem Herzmenschen (den Begriff hat Ela geprägt) an seiner Seite zu reisen, das Land zu entdecken, zu reden, zu lachen und im nächsten Moment zu schweigen, zu lesen und gemeinsam zur Ruhe zu kommen. Das Reiseleben ist manchmal ziemlich aufregend und schnell. Auch wenn ich hier nie allein bin, so drehen sich die Gespräche mit anderen Reisenden doch nahezu immer nur um das Reisen selbst. Wer bist du? Wie heißt du? Was hast du schon gesehen? Was sind deine Pläne für die nächste Zeit? Selten trifft man auf Menschen, mit denen man tiefergehende Gespräche führt – führen kann. Oftmals ist es einfach die Sprachbarriere. Es sind die leisen Töne, die zwischen den Worten stehen, die man in einer Zweitsprache nur schwer trifft. In diesen Momente wäre es einfach noch viel schöner, meine zwei Reisebegleiter an meiner Seite zu haben. Und doch sind sie irgendwie immer bei mir. Vor allem Ela und das bereits beschriebene Ela-Syndrom. Ich kann nicht sagen, was genau es ist und warum es sich wie ein Virus in mir ausbreitet, aber es wird immer stärker. Ständig verlege ich Dinge und weiß nicht, wo ich sie zuletzt hingepackt habe. Ich trete in Bienen, bekomme Hobbit-Füße und kann nicht mehr durchs Auenland hüpfen. Meine Sonnenbrille entwickelt regelmäßig ein Eigenleben, verschwindet und taucht ein, zwei Tage später an den unmöglichsten Stellen wieder auf. Und jedes Mal, wenn ich ins Auto einsteige um die „verlegten“ Dinge zu suchen, stoße ich mir mit wunderschöner Regelmäßigkeit meinen Kopf. Immerhin so regelmäßig, dass all die Beulen mittlerweile eine gute Proportion abgeben und es fast gar nicht auffällt. Ach Ela, ja du fehlst mir hier und ich wünsche mir so sehr, dass wir eines Tages noch mehr gemeinsam von Neuseeland entdecken und ich dir die Stellen zeigen kann, die ich ohne euch gefunden habe. Vielleicht können wir auch noch einmal gemeinsam mit Delfinen schwimmen.

Womit wir beim Thema wären. Die Delfine und ich. Ich habe einen weiteren Versuch unternommen, mir diesen Traum zu erfüllen. Die Betonung liegt auf V-E-R-S-U-C-H. In Picton, so dachte ich, hat man die Möglichkeit in den Malborough Sounds in relativ warmen, kristallklaren, türkisen Wasser mit Delfinen zu schwimmen und dabei die wunderschöne Fjordlandschaft zu genießen. Und es ist ja Sommer, also ab nach Picton. Wenn ich ein paar Tage bleibe, kann ich auch gleich noch Glühwürmchen (und diesmal umsonst) anschauen, den Queen-Charlotte-Track laufen und mir ein Kajak ausleihen. Das war die Vorstellung meines kleinen Sommertrips zurück an die Küste. Angekommen im Dreh- und Angelpunkt zwischen Nord-und Südinsel, checke ich in einem zauberhaften kleinen Hostel fernab der Teenie-Backpacker-Höllen ein. Im Jugglers Rest genieße ich einen Nachmittag in der Hängematte und ringe mit mir, ob ich die Slackline ausprobieren soll oder nicht. Es liegen nur drei Meter zwischen mir und der Hängematte und der Slackline. Drei Meter zwischen grenzenloser Faulheit und Training meiner Balance. Die Anziehungskraft oder viel mehr die Schwerkraft, die mich in der Luft baumeln lässt, siegt und ich versinke mit meinem Buch in der späten, wärmenden Nachmittagssonne. Der nächste Tag wird schließlich anstrengend genug. Als ich schließlich am nächsten Tag aufwache, sehe ich beim Blick aus dem Fenster… nichts. Einfach nichts. Alles ist grau und nebelig, die Wolkendecke über den Sounds ist undurchdringlich, kein Sonnenstrahl lässt sich blicken, es ist einfach nur grau. Und besonders warm ist auch nicht mehr. Leider verschlechtert sich die Lage mit fortschreitendem Tag und am Ende des Tages habe ich bis auf Schnee alles an möglichen Wetterlagen mitgemacht. Gewitter, Hagel, Sturm, Regen und zwischendurch kurze Wolkenlöcher mit heißen Sonnenstrahlen. Egal, denke ich mir, morgen ist auch noch ein Tag, müssen die Delfine noch ein wenig warten. Als ob die auf mich warten würden? J Und die Glühwürmchen und die Kajaks und der Track. Ich habe für die Reise nach Picton drei Tage eingeplant und bleibe schlussendlich vier Tage. Ausgerechnet in diesem Zeitraum entschied sich das Wetter nach wochenlangem Sonnenschein eine Pause einzulegen und dafür zu sorgen, dass die Fähren zwischen Wellington und Picton nicht verkehren und die Cook-Straße überqueren konnten. Und dafür zu sorgen, dass ich die Sache mit den Delfinen wieder einmal verschieben muss und natürlich gar nichts von meinen geplanten Unternehmungen durchführen konnte. Trotzdem sind die Tage in Picton voll schöner Erinnerungen für mich. Nikki, der Hostelbesitzerin habe ich einfach mit dem Hostel geholfen und konnte im Gegenzug umsonst dort übernachten. Es macht Spaß zu sehen, wie die Gäste beinah jeden Tag wechseln und sich neu mischen. Wie einige Reisende beschließen, länger zu bleiben und man mit denjenigen dann trotz des schlechten Wetters eine gute Zeit hat, wundervolle Gespräche führt, zusammen kocht und isst und mehr als nur das Reiseleben der anderen erfährt. Und gelernt habe ich auch mal wieder etwas. Pläne in Neuseeland sind für die Katz. Lass am besten alles auf dich zukommen, lebe von einem Tag zum nächsten, lass dich treiben und nimm alles, wie es kommt.

Das nächste Abenteuer besteht auch schon bevor. Gerade befinde ich mich auf dem Weg in den Nelson Lakes National Park und werde morgen 12,5 km (mit Rucksack!!!) zur Angelus Hut laufen und dort eine Woche in den Bergen verbringen.