Geburtstag nach Kiwiart

catlins-video… ich bin dann mal weg. Für ein paar Tage anlässlich meines Geburtstages.
So habe ich mir das gedacht und in die Tat umgesetzt.
Nach dem letzten Jahr im Dauerregen konnte es ja wettertechnisch nicht schlimmer kommen – dachte ich.
Kann es nömlich doch. Mit Hagel, Regen, Schnee, Gewitter und auch Sonnenschein – innerhalb 24 Stunden. Aber diesmal war ich vorbereitet und habe abwechselnd Regen- und Winterjacke getragen, Mütze aufgesetzt, Thermounterwäsche angehabt (mmmmhhhh ja, ich weiß – seeeexy, aber eben praktisch) und die Nacht im Auto unter zwei Bettdecken verbracht.
Dafür hatte ich einen unglaublichen Ausblick auf das Meer, habe Seelöwen und Pinguinen getroffen und Wasserfälle bestaunt.
Hier ein kleines Video als ersten Versuch die Eindrücke mal visueller einzufangen. Viel Spaß!

Alles in allem war es ein wunderschöner Tag und zu Hause angekommen, hat auch ein Päkchen aus Deutschland bei der Post auf mich gewartet! Eltern sind doch einfach die besten!

Tramping nach Kiwi-Art

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Anlässlich meines ersten vollendeten Jahres hier in Neuseeland dachte ich mir, machste mal was, was alle Kiwis machen und womit die hier aufwachsen. Tramping. Und damit spreche ich nicht von per Anhalter fahren, wobei das auch alle hier machen. Nein, mit Tramping meine ich hiken oder auch wandern, gern auch mit Übernachtung im Bush in einer Hütte, die meistens von DOC (die neuseeländische Naturschutzbehörde) gestellt wird.
Mein letztes Wanderexperiment ist mir noch gut in Erinnerung und ich wollte diesen Kraftakt nicht so gern wiederholen. Statt Höhenmeter zu erreichen und fast vom Gipfel geweht zu werden, habe ich mich lieber für einen entspannten Weg über Farmland, inmitten grüner Hügel und Wiesen und mit vielen Schafen entschieden. Etwa nach der Hälfte geht es dann in den für den Abel Tasman so typischen und wunderschönen Dschungel artigen Bush über.

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Da es hier ja keine giftigen Tiere gibt, die einem was tun können, holen sich Kiwis ihre Action woanders her. Sie basteln die Wege nicht etwa um Hindernisse herum oder machen eine Über- bzw. Unterquerung einfacher, neee, da wird das einfach so gelassen und man muss zusehen, wie man weiterkommt. Im Klartext heißt das, dass da Bäume im Weg liegen, über die man klettern muss und man Modderlöcher erst erkennt, wenn man mindestens schon knietief drin steckt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt habe ich den Sinn dieser Zipper-Hosen erkannt, diese Reißverschluss-auf-Hosenbein-ab-Systeme. Ich persönlich stecke lieber mit dem nackten Bein im Modder, als mit der halben Hose. Passiert es trotzdem, dass die Hose statt einem statten Dunkelblau eher einem lehmigen Ocker gleicht, braucht man aber nicht zu verzagen, denn der nächste Fluss kommt bestimmt.

„Wozu braucht man eigentlich Brücken?“

Da es bis zu diesem Punkt auch immer noch nicht genug Aufregung ist, steht man dann vor dem Fluss und sieht den Track auf der anderen Uferseite weitergehen. So weit so gut, doch wo ist die Brücke? Überraschung, es gibt keine Brücke, und auch keinen Steg oder sonst irgendwas – man läuft einfach durch den Fluss. Und zwar völlig unabhängig davon, ob das Wasser knöcheltief ist oder einem bis zur Hüfte reicht.

Da ich nicht vorhatte, in nassen Schuhen weiterzulaufen, habe ich mir was ganz cleveres ausgedacht. In diesen hinreißend klaren Bächen gibt es hin und wieder einzelnen Steine, die aus dem Wasser herausragen und einen wunderbaren Pfad ans andere Ufer bilden. Wunderbar, also doch keine nassen Füße. Was ich allerdings nicht bedacht habe, ist, dass diese hinreißenden Bäche in der Tat auch eine hinreißende Wirkung haben und leider etwas rutschig sind. Nun ja, sagen wir mal, mit dem Rucksack auf dem Rücken, ist mein Balancegefühl nicht das allerbeste und ich konnte mir bei dieser Gelegenheit die Steine IM Wasser etwas genauer anschauen. Hübsch… und das Wasser… so klar.

In diesem Augenblick ist mir noch etwas klar geworden. Kiwis laufen lieber mit Schuhen durchs Wasser und sind ein bisschen nass, als auszurutschen und überall nass zu sein.
Da ich ja durchaus lernfähig bin, waren die weiteren Flussüberquerungen kein Problem und ich bin, als hätte ich mein Leben nichts anderes getan, schnurstracks durchs Wasser gelaufen. Bei dieser Gelegenheit hat sich _DSC9404auch der Modder von den Hosenbeinen und das Problem mit der dreckigen Hose gelöst. Belohnt wurde die ganze „Aufregung“ (für Kiwis ist das schließlich nur ein Spaziergang, den man am Wochenende mit der Familie macht) mit einer wunderschönen, alten Hütte, die für zwei Nächte mein Übernachtungsdomizil wurde. Sie ist zwar sehr einfach, aber immerhin Maus- und Rattensicher und sie hat als eine der letzten Hütten in Neuseeland noch eine offene Feuerstelle.

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So ein wenig Hüttenromantik anlässlich meines 1-Jährigen hier, ist schon was besonderes. Und was kann es Besseres geben, als sich bei einem Glas Rotwein bekochen zu lassen und dem Knistern des Feuers zu lauschen.

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Während sich Kiwis so gar keinen Kopf über nasse Schuhe und den nächsten Tag machen, habe ich natürlich versucht, die Schuhe am Feuer zu trocknen. Naja, wie soll ich sagen. Ich glaube, die Schuhe standen ein bisschen zu nah am Feuer und irgendwie hat ein Teil der Schuhe der Hitzeentwicklung nicht ganz standgehalten. Ein leichter, aber beißender Geruch hat mich ruckartig aus meinen Träumen gerissen. Ein wenig hat mich das an meinen Teddy aus Kindertagen erinnert. Der mochte den Platz am Ofen auch nicht und hat nach einer relativ kurzen Lebensdauer entschieden, sich auf den Friedhof der Kuscheltiere zu begeben.

Nun, die Schuhe sind nach wie vor tragbar und mit der kleinen Brandnarbe auf dem Stoff auch unverwechselbar und mein kleiner Tramping-Trip wird mir somit noch länger im Gedächnis bleiben.

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Von wegen Bergromantik

CSC_5325Das gibt’s alles nur im Film und in Büchern. Der beschwerliche Aufstieg und ein anschließendes alle Anstrengungen überdeckendes Glücksgefühl, ein unbeschreibliches Panorama. Das ist es, was man sich so vorstellt, wenn man einen Berg besteigt. Ich sage, so ist es ganz gar nicht. Erstmal erzählt einem vorher niemand, wie es sich anfühlt mit 15 kg Rucksack auf dem Rücken zu wandern und wenn es einem doch erzählt wird, dann hat man nur eine sehr vage Vorstellung davon. Alle reden nur davon, wie großartig der Moment ist, in dem man auf dem Gipfel steht und einem quasi die Welt zu Füßen liegt. Keiner spricht von kleinen Unebenheiten in Socken, die langsam aber stetig für Blasen an den Füßen sorgen. Alle reden nur davon, wie unfassbar klar die Bergluft ist.  Niemand gibt auch nur einen Anhaltspunkt darüber, dass einem die Hüftknochen vom Rucksack schmerzen können. Und erst recht erzählt einem niemand vorher, welche Stadien der Emotionen man während einer Tageswanderung durchmacht.

Bei mir war alles dabei, aber ich hatte ja auch 12,5 km und sieben Stunden Zeit. Nach der ersten Stunde, 300 Höhenmetern und einem Kilometer stehe ich kurz vorm Aufgeben. Ich schwitze und ringe mit mir selbst – an wirklich jedem einzelnen Knick des Weges mache ich Halt um Luft zu holen. Schnappatmung nennt man das, glaube ich. Ständig überholen mich fremde Menschen. Menschen OHNE Rucksack. Stumm bitte ich sie um Hilfe, schaue ihnen mit großen Augen und gequälten Gesichtsausdruck hinterher. Und wenn sie nicht innerhalb einer Sekunde reagieren, schreie ich sie an, dass sie gefälligst meinen Rucksack tragen sollen. Mental natürlich. In Gedanken murmle ich mein Mantra – immer schön bergauf, nur nicht denken und schon gar nicht zurückschauen, was hinter einem liegt. Der Weg ist das Ziel. Der Weg ist das Ziel. Verdammt, warum lächeln alle anderen Menschen, denen ich begegne? Wo bleibt diese sagenumwobene Gefühl, welches mich genauso grenzdebil grinsend durch die Gegend rennen lässt? Zum Glück kann ich nicht sehen, was noch vor mir liegt, denn in diesem Fall würde ich wahrscheinlich umdrehen. Irgendwie muss ich doch ziemlich bescheuert sein. Einen Track zu laufen, der für erfahrene Tramper ausgeschrieben ist, nur um eine Woche in der Hütte Lake Angelus zu verbringen. Früher habe ich Wandern gehasst. Mit Grauen denke ich an den einzigen Familien-Sommerurlaub in den Bergen im Schwarzwald zurück. Gegen die Berge hier ist der Schwarzwald eine sanfte Hügellandschaft. Netterweise werde ich noch zum Carpark auf etwa 880 Metern gebracht. Unaufgewärmt geht es direkt los, über einen Kilometer steil bergauf, kleiner Schlenker links, kleiner Schlenker rechts und wieder bergauf. Dafür, dass unter mir der See Rotuiti in der Sonne glitzert und ich allerbestes Wetter mit strahlend blauem Himmel habe, habe ich keinen Blick. Ich schwitze nur noch und versuche nicht daran zu denken, dass noch gute 11 km vor mir liegen. Noch könnte ich umdrehen, aber das bringt mich auch nicht weiter. Auf der ersten Ebene angekommen, sacke ich zuerst in einem Shelter zusammen, lüfte meine Socken und bestaune eine formschöne Blase an meiner linken Ferse. Erst dann nehme ich ein wenig dieses vielbeschriebene Panoramas wahr, allerdings sehe ich zeitgleich das Schild, welches mir weitere neun Kilometer weist. Vor mir liegen ein paar 100 Meter flache Strecke, welche ich so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte. Das nächste steile Stück und was ich dahinter erblicke, lässt erahnen, wieso die Berge eigentlich eine menschenfeindliche Umgebung sind. Graubraunes Gestein, der Pfad ist kein Pfad mehr – Mordor ist einfach überall. Ich laufe über Geröllwüsten, sehe nur ab und zu einen Pfahl mit einem kleinen orangen Dreieck. Ich muss also noch richtig sein. Orientierung besitze ich nicht mehr. Das sieht alles so gleich aus.  Aber irgendwie macht das Laufen auf dem Bergrücken Spaß.

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Ich muss mich konzentrieren um mit 15 kg zusätzlich auf dem Rücken nicht die Balance zu verlieren. Einige Steine sind lose und ich gerate ins Schlingern, befinde mich jedoch im nächsten Moment sofort wieder im Gleichgewicht. Ein paar Minuten lang summe ich sogar vor mich hin „These feet are make for walking“. Und obwohl es gar nicht regnet, geht es munter weiter mit „Raindrops are fallin´on my head“. Als ich mich dabei ertappe, frage ich mich ernsthaft ob das die Höhenluft ist, die mich dezent wahnsinnig erscheinen lässt und ich nun auch debil grinsend durch die Bergwelt spaziere. So gut wie meine Laune in diesem Moment auch ist, so schlecht wird sie im nächsten. Ich kann außer Steinen nichts mehr sehen. Der Pfad schlängelt sich dermaßen sich durch Felsen hindurch, ich muss mich mit beiden Händen an den Steinen festhalten und klettern. Um dem ganzen die passende Dramaturgie zu geben, verdunkelt sich in diesem Moment der Himmel und eine dichte Wolkendecke schiebt sich vor die Sonne, der Wind nimmt zu und zerrt am Rucksack. Es sind nur 50 Meter, die vor mir liegen und als ich diese mit Händen und Füßen irgendwie geschafft habe und auf dem höchsten Punkt des Weges angekommen bin, ist auf einmal alles zuviel. Ich schmeiße den Rucksack vom Rücken, suche mir einen bequemen Stein und heule erst einmal los. So richtig laut und hemmungslos, hört ja niemand, stört ja niemand, sieht ja niemand. Meine Begleitung ist eh soweit von mir entfernt, dass ich sie nicht mehr sehen kann – denke ich. Also sitze ich da auf 1.788 Metern Höhe, blicke hinunter ins Tal und weine. In einer kurzen Tränenpause dringt dann schließlich doch die Schönheit der vor- und unter mir liegenden Bergwelt in mein Bewusstsein. Ich erblicke einen smaragdgrünen See, die Sonne schiebt sich zwischen die Wolken und verzaubert die eben noch karge und unmenschliche Landschaft in eine wunderschöne Märchenwelt der Elfen. Ich muss an die Krombacherwerbung denken, die einen See inmitten beeindruckender Bergwelt zeigt. Dieser Gedanke bringt mich unter Schluchzen zum Grinsen und mir wird bewusst, dass ich einfach weitergehen muss. Hilft ja alles nichts. Zaghaft unternehme ich den Versuch nach meiner Begleitung zu rufen und erhalte tatsächlich Rückmeldung. Ich bin ja gar nicht alleine, wie ich gedacht habe. Hmm, war mein kleiner Anfall also umsonst. Stillschweigend und mittlerweile unter schmerzenden Füßen lege ich die letzten 1,5 km zurück. In der Hütte angekommen resümiere ich: „Meine Füße sind angeschwollen, die Blase an der Ferse ist aufgeplatzt, die Hüftknochen und Schultern schmerzen nach 7 Stunden Rucksack tragen, ich friere, es gibt keine Duschen und obwohl ich etwas essen sollte, hungrig bin ich nicht.“ Mit einer Wärmflasche, einem heißen Kakao und dem Schlafsack verschwinde ich umgehend ins Bett. Ich bin müde, erschöpft, mir tut alles weh und doch bin ich stolz auf mich. Ich bin an meine Grenzen gegangen, wenn auch nicht seelig lächelnd. Der letzte Gedanke, bevor ich ins Land der Träume abgleite, gilt dem Rätsel der ewig grinsenden Wanderer. Wie machen die das eigentlich?

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